Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

 

Eine esoterische Deutung von Elias Erdmann

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Lk 15,11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.

 

Es geht um den Vergleich und um die Bewertung zweier Alternativen. Der eine Sohn geht in die Welt und der andere bleibt zuhause. Der Vater steht in diesem Gleichnis für Gott und die Söhne könnte man als Teile von Gott bezeichnen. Am Anfang sind sie jedoch noch nicht „abgeteilt“, sondern sie bilden noch eine Einheit mit Gott.

 

Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

 

Nun beginnt der Prozess der Teilung – die Individualisierung der Seelen. Es werden Grenzen gezogen zwischen dem Bewusstsein der einen Seele und dem Bewusstsein der anderen. Man denkt und empfindet nun nicht mehr als Ganzes, sondern jeder für sich. Das Wort „Individuum“ bedeutet übrigens „unteilbar“ und bezeichnet den kleinste Teil eines Ganzen, der selbst nicht mehr weiter teilbar ist. ( in = Verneinung; dividieren = teilen)

 

Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

 

Mit der Individualisierung der Seelen beginnt ein Trennungsprozess von Gott und es kommt zum Abstieg in die materielle Welt. Hier wird mit anderen Worten der gleiche Prozess beschrieben, den wir auch als „Sündenfall“ oder als „Engelssturz“ kennen. Das „ferne Land“ ist die materielle Welt und sobald eine Seele in die materielle Welt eintaucht, verliert sie viele ihrer Fähigkeiten. Sie ist nun als Mensch voll und ganz den Problemen und Notwendigkeiten der materiellen Welt unterworfen.

 

Und auf diese Weise verliert der Sohn seinen Erbteil – die Fähigkeiten, die er ursprünglich mitbekam.

 

Was hier beschrieben wird, ist die „Menschwerdung“ des Gottessohns. Jeder von uns ist so ein Gottessohn, der Mensch geworden ist und der sich nun hier auf der Erde mit den typischen menschlichen Problemen auseinander setzen muss. Wir alle sind individuelle Seelen, die den Weg in die materielle Welt angetreten haben. Die Menschwerdung des Gottessohns ist also kein Ereignis, das einmalig vor 2000 Jahren stattgefunden hat, sondern es hat sich bei jedem von uns ereignet.

 

Dass es der „jüngere“ Sohn ist, der in die Welt zieht, hat vermutlich keine symbolische Bedeutung, sondern es wahr wohl das typische Schicksal vieler jüngeren Söhne, weil oftmals der ältere Sohn den Hof übernahm.

 

Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

 

Es geht hier primär um den Hunger nach geistiger Nahrung – um die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis. Viele Menschen orientieren sich bei dieser Suche an den Bürgern jenes Landes, in dem sie leben und sie übernehmen die dort üblichen Meinungen, Weltbilder, Aufgaben und Pflichten. Viele dieser Aufgaben und Pflichten haben aber auf den ersten Blick nichts mit der Suche nach Erkenntnis zu tun, sondern mit den materiellen Lebensgrundlagen. Statt geistiger Nahrung erhält man die Aufgabe, sich um materielle Dinge zu kümmern. So wird der verlorenen Sohn auf den Acker geschickt, um die Säue zu hüten.

 

Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 

 

Was hier zunächst wie ein Akt der Verzweiflung aussieht, hat jedoch einen tieferen Sinn:  So wie ein Schwein in der Erde nach Nahrung wühlt, so müssen auch wir in der materiellen Welt nach Erkenntnis suchen. Aber wir müssen es selbst machen, denn kein anderer kann für uns lernen und Erfahrungen sammeln.

 

Aber natürlich können wir auf den Erfahrungen anderer aufbauen und auf diese Weise wiederum neue Erkenntnisse gewinnen.

 

Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

 

Wenn die Erinnerung an unsere Heimat in uns auftaucht, dann werden wir uns der Trennung bewusst. Dann erkennen wir, dass uns in der geistigen Welt alles Wissen in Fülle zur Verfügung stand und dass wir nun in der materiellen Welt darauf nicht mehr zugreifen können. Das Brot steht in diesem Fall für die geistige Nahrung. Und wir erkennen auch, dass wir viele der materiellen Probleme nicht gehabt hätten, wenn wir in der geistigen Welt geblieben wären.

 

Daher bedauern viele, dass sie sich von Gott getrennt haben und dass sie den Weg in die materielle Welt gewählt haben und viele glauben sogar, dies sei ein Fehler gewesen. Im Irrglauben, sie hätten etwas falsch gemacht, wenden sie sich voll Angst an Gott und hoffen auf Gnade. Dieser Irrglaube entsteht aus Unwissenheit über den Sinn des Lebens. Die Trennung von Gott und der Weg in die Materie war kein Fehler, sondern sogar notwendig für unsere Entwicklung.

 

Würde sich eine Frucht nicht vom Baum trennen würde, so könnte aus ihr nie ein neuer Baum entstehen.

 

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

 

Der Sohn kommt mit einer völlig falschen Erwartungshaltung. Hier geht es nicht um Verzeihen oder um Gnade, denn es gibt nichts zu verzeihen. Es gibt weder mahnende Worte noch ein Urteil über das, was der Sohn gemacht hat. Der Vater ist einfach nur froh, dass sein Sohn zurück ist.

 

Der Satz „Denn dieser mein Sohn war tot...“ ist von ganz zentraler Bedeutung für das Verständnis der biblischen Symbolik, denn er macht deutlich, was in der Bibel als Tod bezeichnet wird.

 

Der Ausflug in die Materie ist mit Tod gemeint – also das was wir normalerweise hier auf der Erde als Leben betrachten. 

 

An dieser Stelle wäre anzumerken, dass es auch vom Baum der Erkenntnis im Paradies hieß, dass man sterben müsse, wenn man von ihm isst. Und auch dort folgt kein wirklicher Tod, sondern die Vertreibung aus dem Paradies – also auch die Trennung von Gott. Die Symbolik ist also vollkommen analog.

 

Wenn man diese Erkenntnis anwendet auf die vielen Bibel-Zitate und religiösen Begriffe, wo von Leben und Tod die Rede ist, dann bekommen sie plötzlich einen vollkommen anderen Sinn:

 

-         Jesus ist gestorben für unsere Sünden

-         die Wiedererweckung von Toten

-         die Auferstehung von den Toten

-         das ewige Leben

-         etc.

 

Falls jemand mit der allgemein üblichen, kirchlichen Interpretation des Christentums vertraut ist, wird ihm natürlich dieser andere Sinn zunächst sehr fremdartig vorkommen, aber dieser Weg führt überraschenderweise tatsächlich zu einem in sich stimmigen Weltbild, das nicht annähernd so absurd ist wie die übliche Vorstellung, dass Jesus für unsere Sünden hingerichtet werden musste und dass wir deshalb nun von irgendetwas erlöst seien.

 

Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

 

Für Menschen, die glauben, dass die Trennung von Gott ein Fehler sei und dass es statt dessen richtig gewesen wäre, sich nicht von Gott zu trennen, mag dieses Verhalten des Vaters als ungerecht erscheinen. Es ist fast so als ob der Sünder belohnt würde und dass der brave Sohn benachteiligt wird. Und das widerspricht natürlich dem normalen Rechtsempfinden.

 

Dieser scheinbare Widerspruch entsteht aber erst durch die falsche Beurteilung der beiden Wege. Die Trennung war kein Fehler, sondern sie war notwendig, damit der Sohn an den Problemen wachsen konnte. Auf dieser Weise hat der Sohn etwas gewonnen: Erfahrung und Erkenntnis.

 

Und damit hat er für sich die Grundlagen geschaffen, um sehr viel mehr vom Wesen Gottes erfassen zu können als sein Bruder. So bekam er von Gott mehr als der andere Sohn, dem diese Grundlagen fehlen, weil er die Erfahrung nie sammeln konnte.

 

Es ist die gleiche Logik, die auch in folgender Aussage steckt:

 

Lk. 8,18 .... denn wer da hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er meint zu haben.

 

Je mehr Erfahrung wir haben, umso mehr verstehen wir wiederum und umso mehr Erkenntnis können wir aus den Dingen ziehen, die uns umgeben.