Rapunzel

 

Eine esoterische Deutung von Elias Erdmann

e-Mail: elias.erdmann@gmx.de

Homepage: http://www.klarerblick.de/forum/viewforum.php?f=37

 

In den Märchen alter Zeiten liegt ein Wissen unentdeckt.
Diese Deutung soll uns leiten zu dem Sinn der darin steckt.

 


Der Märchentext stammt von der URL: http://gutenberg.spiegel.de/grimm/maerchen/rapunzel.htm

Das Grundprinzip der symbolischen Interpretation

Das Märchen „Rapunzel“ beschreibt auf der esoterisch-symbolischen Ebene, wie ein Sucher Zugang zum höheren Seelenanteil bzw. zum höheren Bewusstsein findet und es spricht auch einige der typischen Probleme an, die auf diesem Weg auftreten. Ähnlich wie bei einem Mythos handelt es sich auch bei dieser Geschichte um eine Verdinglichung und Personifizierung von geistigen Zusammenhängen. Das Irdische und Menschliche wird als ein Gleichnis für innere und geistige Prozesse verwendet. Das Geistige wird auf diese Weise in die Begriffe unserer Erfahrungswelt übersetzt, so dass es für uns erlebbar und begreifbar wird.

In einer esoterisch-symbolischen Interpretation wird nun dieser Prozess der Verdinglichung und Personifizierung wieder umgekehrt, um die in der Symbolik verborgenen, geistigen Zusammenhänge wieder freizulegen. Es wird also durch die „Vergeistigung“ genau die Botschaft wieder ausgepackt, die vorher durch die „Verdinglichung“ in die Geschichte eingepackt wurde. Dieser „Umweg“ mag auf den ersten Blick etwa umständlich erscheinen und man mag sich fragen: Warum wird etwas zunächst mühevoll symbolisch verpackt, um es später wieder mit noch mehr Aufwand auszupacken?

Das hat ganz unterschiedliche Gründe:

Natürlich hätte das alte Wissen die Jahrhunderte nie überleben können, wenn es im Klartext vorgelegen hätte, denn es wäre dann wohl kaum der kirchlichen Zensur entgangen. Doch verpackt in ein scheinbar ganz harmloses Märchen konnten diese Ideen und Vorstellungen die finsteren Zeiten recht unbeschadet überstehen und nur an wenigen Textstellen spürt man den späteren Einfluss kirchlichen Denkens, z.B. in einer Formulierung wie „endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen.“

Dieses Grundprinzip, dass man durch symbolische Verschlüsselung das geheime Wissen vor der Zensur schützen kann, gilt jedoch auch noch in einer ganz anderen Hinsicht. Auch unsere Träume und unsere inneren Bilder bedienen sich der Symbolik, um der Zensur unseres Tagesbewusstseins zu entgehen.

Und deshalb kann man mit Hilfe der Symbolsprache nicht nur alte Mythen interpretieren und das verschollene „esoterische Wissen“ alter Kulturen freilegen, sondern man kann damit auch das verborgene, „innere Wissen“ erschließen, das in uns selbst begraben liegt und das normalerweise für uns unzugänglich ist.

Weil sich auch das innere Wissen einer solchen Symbolik bedient, kann man übrigens nicht in allen Fällen unterscheiden, ob ein Autor das esoterische Wissen ganz bewusst in einer Geschichte verpackt hat oder ob er nur die symbolischen Motive wiedergibt, die sein „inneres Wissen“ für ihn entsprechend vor-verpackt hat. Und ebenso kann es auch passieren, dass ein Autor Motive aus der Literatur ganz unbewusst übernimmt, einfach nur weil sie ihn irgendwie ansprechen. Auch durch diese selektive Auswahl kann sich das esoterische bzw. innere Wissen offenbaren. Daher ist auch der Nachweis einer historischen Erzähl-Tradition kein Beweis gegen eine esoterische Interpretation. Mag sein, dass einer die symbolischen Motive bewusst verwendet hat, der nächste hat sie unbewusst ausgewählt und übernommen und ein Dritter hat sie mit anderen Motiven vermengt, die symbolisch verschlüsselt aus der Tiefe seiner Seele kamen, .... Durch eine Erzähltradition gibt es regelrecht eine Evolution der symbolischen Motive, die von den Erzählern immer wieder variiert werden (=Mutation) und die umso häufiger übernommen werden, je mehr sie unser inneres Wissen ansprechen (=Selektion). Durch Mutation und Selektion werden also – quasi ganz von selbst - mit der Zeit ganz typische Märchen-Motive entstehen, die optimal an unser „inneres Wissen“ angepasst sind. Und so kann manches auf der symbolischen Ebene in den Märchen eingepackt sein, obwohl es keiner bewusst eingepackt hat.

Darüber hinaus gibt es aber auch noch folgenden Effekt: Würde uns der Inhalt unverschlüsselt als Klartext gegeben, so könnten wir ihn entweder glauben oder auch nicht. Das dargestellte religiöse Weltbild wäre auf jeden Fall eine Frage des „Glaubens“. Wenn es einem jedoch mit Hilfe von mythischen Geschichten gelingt, ein Gefühl für diese Symbolsprache zu entwickeln, dann brauchen wir nicht mehr zu glauben, was irgendwelche Autoritäten uns erzählen, sondern wir können das Wissen in uns selbst finden. Im Vergleich zu heute ist das ein vollkommen anderes Religionsverständnis. Ein solches Wissen ist nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern eine innere Gewissheit – eine Erkenntnis. Der Klartext würde uns letztendlich nur zu einem Glauben führen, aber der Mythos führt uns indirekt zum Wissen. Das ist der Unterschied zwischen Glaube (Credo) und Erkenntnis (Gnosis).

Die Rolle von Rapunzel

Aus dieser symbolischen Perspektive lässt sich Rapunzel als ein höherer Anteil unserer Seele interpretieren. In der esoterischen Literatur gibt es für diesen Anteil sehr viele unterschiedliche Begriffe: unser wahres Ich, unser Höheres Selbst, das Göttliche in uns, das Innere Wissen, das Christus-Bewusstsein, ... u.s.w. So wie unser höherer Seelenanteil für viele unerreichbar scheint, so lebt das Mädchen Rapunzel, das diesen Seelenanteil personifiziert, eingesperrt in einem Turm, der „weder Tür noch Treppe“ hat.

Diese Nichterreichbarkeit des höheren Seelenanteils wurde in anderen Märchen der Brüder Grimm (z.B. Dornröschen oder Schneewittchen) versinnbildlicht, indem das Mädchen, das diesen Seelenanteil verkörpert, schläft bzw. gestorben ist. In diesem Märchen ist es nun in einem Turm eingesperrt, was zwar ein anderes symbolisches Bild ist, was aber letztendlich in der symbolischen Übersetzung den gleichen Sachverhalt darstellt.

In dieser Interpretation werde ich mehrfach auf die inhaltlichen und symbolischen Analogien zwischen den unterschiedlichen Märchen eingehen. Das erspart mir einerseits, einige Begründungen aus älteren Texten hier zu wiederholen. Andererseits soll es aber auch verdeutlichen, dass man in all diesen Fällen über ein einheitliches Interpretations-Schema zu einem gemeinsamen und weitgehend in sich konsistenten, esoterischen Weltbild gelangt, das diesen Märchen zugrunde liegt.

Der Anfang des Märchens zeigt uns die Vorgeschichte, wie Rapunzel in den Turm kam. Dabei sind einige Motive erkennbar, die teilweise recht deutlich an die Symbolik der biblischen Schöpfungsgeschichte erinnern.

Wir müssen jedoch zwei Dinge deutlich unterscheiden: die ursprüngliche, esoterische Symbolik der Bibel ist eine Sache, die heute übliche, kirchlich geprägte exoterische Interpretation der Bibel ist eine vollkommen andere. Die esoterische Symbolik der Schöpfungsgeschichte ist im konkreten Fall absolut stimmig in das Märchen eingefügt worden, was bei einer späteren Überlagerung der mythischen Geschichte mit den heute üblichen Glaubensvorstellungen wohl kaum zu erwarten wäre. Eine solche Verschmelzung funktioniert nur, wenn man entweder sowohl die esoterische Symbolik des Märchens als auch die Symbolik der Schöpfungsgeschichte verstanden hat, oder wenn sich das Tagesbewusstsein so weit raus hält, dass die archetypischen Grundmotive unserer inneren Bilder ganz unbewusst zusammen fließen.

Die Rolle des Königssohnes

Der Königssohn, der in der zweiten Hälfte des Märchens Rapunzel entdeckt, steht für einen Menschen, der in sich die Stimme des höheren Seelenanteils vernommen hat und der nun auf der Suche nach dem Ursprung dieser Stimme ist.

Dieses typische Motiv vom „suchenden Königssohn“ finden wir auch in anderen Märchen der Brüder Grimm immer wieder. Er begegnet uns als Sucher,

- der im Märchen von Dornröschen den Weg durch das Dornengestrüpp findet

- der im Märchen von Schneewittchen den gläsernen Sarg bei den Zwergen entdeckt.

- der Aschenputtel mit Hilfe des Schuhs zu erkennen versucht.

Wir selbst sind dieser „Königssohn“ und in jedem von uns steckt ein Dornröschen oder Schneewittchen, das darauf wartet, wieder aufgeweckt zu werden. In jedem von uns steckt ein Aschenputtel, das kaum beachtet wurde und das erkannt werden will. Und in jedem von uns steckt ein Rapunzel, das in einen Bereich verbannt wurde, der für uns fast unerreichbar ist.

In jedem von uns liegt dieser „höhere Seelenanteil“ begraben und wartet auf seine Auferstehung.

Alles das sind unterschiedliche Verbildlichungen, die uns aber in der symbolischen Übersetzung immer wieder den gleichen Sachverhalt schildern.

Die Rolle der Zauberin

Die Zauberin hat im Märchen von Rapunzel die komplexeste Rolle: Sie personifiziert die Möglichkeiten und Konsequenzen, die sich für uns und unser Tagesbewusstsein durch den Gang in die materielle Welt ergeben.

Die Zauberin wird von Rapunzel als „Frau Gotel“ bezeichnet. Das ist ein heute nicht mehr gebräuchliches Wort für eine „Patin“. Das Patenkind heißt entsprechend „Goteit“.

Quelle: http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cd2/drw/a/G152.htm

Diese Beziehung zwischen Rapunzel und der Zauberin ergibt sich auch aus der Aussage „...und ich will für es sorgen wie eine Mutter“.

Während also bei Schneewittchen und bei Aschenputtel von einer zweiten Frau des Vaters bzw. von einer Stiefmutter die Rede ist, wird diese Rolle im konkreten Fall bei Rapunzel von der Patin übernommen.

Auch bei den Smaragdtafeln des Hermes begegnet uns in der Symbolik eine sehr ähnliche Unterscheidung zwischen der Mutter und der Ernährerin: „Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind hat es in seinem Bauch getragen. Seine Ernährerin ist die Erde.“

Bei der Positionierung im 3-Ebenen-Schema zeigt sich jedoch ein Unterschied.

Zunächst die „übliche“ Struktur:

Geistige Ebene = Sonne = Vater
Seelische Ebene = Mond = Mutter
Materielle Ebene = Erde = Stiefmutter / 2. Frau / Ernährerin

Das Märchen von Rapunzel weicht nun etwas von diesem Schema ab, indem die Zauberin die seelische und die materielle Ebene beherrscht (in der Symbolik: den Garten und den Wald).

Geistige Ebene = Haus der Eltern (Vater und Mutter)
Seelische Ebene = Garten (Zauberin)
Materielle Ebene = Wald (Zauberin)

Der Mutter fällt jedoch in der Geschichte die Rolle zu, dass sie den Vater dazu drängt, den Garten zu betreten, um für sie die Rapunzeln zu pflücken.

Somit leitet die Mutter den ersten Abstieg (von der geistigen zu seelischen Ebene) ein, indem sie den Vater vom Haus in den Garten schickt und die Zauberin verursacht den zweiten Abstieg (von der seelischen zur materiellen Ebene), indem sie Rapunzel vom Garten in den Wald bringt.

In diesem Sinne gibt es also schon eine Analogie zum „üblichen“ 3-Ebenen-Schema:

Geistige Ebene = Haus der Eltern
Abstieg auf die seelische Ebene (Die Mutter schickt den Vater in den Garten)
Abstieg auf die materielle Ebene (Die Zauberin bringt Rapunzel vom Garten in den Wald)

Die Deutung des Märchens im Detail:

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatte in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward.

Die hohe Mauer steht symbolisch für eine Barriere, die zwei Welten trennt. Auf der einen Seite ist die Welt des kinderlosen Ehepaars, auf der anderen Seite ist die Welt der Zauberin. Eine vergleichbare Mauer begegnet uns auch im Höhlengleichnis des Platon.

Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt wie die Schranken,...

In der Schöpfungsgeschichte entspricht diese Mauer der Barriere zwischen den Wassern. (vgl. 1. Mose 1,6 ff) Es ist das „Himmelsgewölbe“, dass den höheren göttlichen Bereich von der paradiesischen Menschenwelt trennt.

Spontan möchte man annehmen, dass das Haus des kinderlosen Ehepaars für die Welt der Menschen steht. Doch wie auch in vielen anderen mythischen Geschichten so beginnt das Märchen auch hier in unserer „geistigen Heimat“, in der Ebene, aus der wir alle kommen. Das Haus des kinderlosen Ehepaars steht also für die höhere, geistige Wirklichkeit.

Entsprechend steht der Garten der Zauberin für eine Welt, die eine Stufe tiefer liegt. Es ist zwar schon eine sinnlich erfahrbare Welt, aber noch nicht unsere materielle Welt, sondern eine Zwischenstufe: die seelische Ebene. Im Vergleich zur Schöpfungsgeschichte entspricht dieser Garten dem „Paradies“ Übrigens: Sowohl das hebräische Wort „pardes“ als auch das griechische „paradeisos“ bedeuten eigentlich Garten.

Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab. Da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus.

Pflanzen stehen in der Symbolik häufig für Entwicklungen und für Wachstum. Und so steht das Bedürfnis nach den Pflanzen hier symbolisch für den Wunsch nach geistiger Entwicklung. Der Geist hat das Bedürfnis, sich zu entwickeln, zu wachsen und Früchte zu tragen. Und dafür benötigt er eine Erfahrungswelt. Ohne sie bliebe er unfruchtbar. Das kinderlose Ehepaar symbolisiert diese „Unfruchtbarkeit“.

Wenn wir Menschen zwar die Fähigkeit zur Erkenntnis hätten, aber keine Sinneseindrücke, so hätte der Verstand nichts, was er erkennen könnte und so würde er sich nie entwickeln. Erst dadurch, dass wir eine sinnlich erfahrbare Welt haben, ist die Entwicklung unserer Erkenntnisfähigkeit möglich.

Die Zauberin als Eigentümerin des Gartens und der Rapunzeln symbolisiert, dass es in ihrem Bereich (im Garten) die Möglichkeit zu Entwicklung und Wachstum gibt.

Es stellt sich die Frage, welche besondere Eigenschaft Rapunzeln haben, dass sie hier erwähnt werden. Warum keine Kirschen oder Rüben? (Rübchen, Rübchen, lass dein Haar herunter ;-))) Für heutige Menschen klingt es nicht besonders ungewöhnlich, dass man Rapunzeln bzw. Feldsalat im Garten hat. Aber in der Zeit, aus der dieses Märchen stammt, war das anders. Denn „erst im letzten Jahrhundert ist Feldsalat eine Kulturpflanze geworden.“ (Quelle: http://www.fruechte-gleitzmann.de/products/salats/feldsalat/feldsalat.html) Rapunzel bzw. Feldsalat ist eigentlich ein Wildkraut, das auf Äckern und Wiesen beheimatet ist. Es wird hier also aus der damaligen Perspektive keinesfalls eine besonders typische Gartenpflanze erwähnt. Möglicherweise ist es der Aspekt der Freiheit, der durch eine Wildpflanze betont werden soll, jene Freiheit, die wir für die geistige Entwicklung brauchen. Diese Freiheit, nach der unsere Seele strebt, steht im besonderen Kontrast zu der Gefangenschaft im Turm, den sie später erlebt.

Dass die Begierde von der Frau ausgeht, ist eine deutliche Analogie zur Schöpfungsgeschichte. Dort ist es Eva, die das Bedürfnis hat, die Frucht des Baumes zu essen. Hier ist es ebenfalls die Frau, die den Wunsch nach den Rapunzeln äußert. Beides hat seinen Preis. In der Schöpfungsgeschichte ist es die Vertreibung aus dem Paradies. Im Märchen von Rapunzel wird die Tochter von ihren Eltern getrennt. In beiden Fällen geht es also um eine Trennung von der Ebene, aus der wir kommen.

Da erschrak der Mann und fragte: "Was fehlt dir. liebe Frau ?"Ach, antwortete sie, "wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege so sterbe ich." Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: Eh du deine Frau sterben lässest holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will.

Wenn der Geist keine Möglichkeit zur Entwicklung hätte, dann würde er tatsächlich mit der Zeit absterben.

In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut geschmeckt, dass sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab.

Die Symbolik von Tag und Nacht wird in den Mythen sehr gegensätzlich gebraucht. Manchmal wird die Geistige Ebene als eine „Lichtwelt“ beschrieben und die materielle Welt als ein „finsterer Ort“. Ein anderes Mal steht aber der Tag symbolisch für unser Tagesbewusstsein, das der materiellen Welt zugewandt ist und die Nacht für den Zeitraum, indem unser Tagesbewusstsein ruht und in dem wir wieder Zugang zur geistigen bzw. zur seelischen Ebene haben.

In dieser Hinsicht kann man nun auch die Abenddämmerung in zweierlei Hinsicht deuten:

a) als eine „Verdunkelung“, die mit dem Abstieg auf die tiefere Stufe verbinden ist.
b) als einen Zeitraum wenn das Tagesbewusstsein ruht

Beides gäbe einen Sinn, aber ich vermute aus dem Kontext des Märchens, dass Fall b gemeint ist. Auch der Königssohn wird später Rapunzel abends besuchen – und zwar mit der Begründung, weil tagsüber die Zauberin da ist. Das bedeutet: Der Zugang zum höheren Bewusstsein kommt abends im Zustand der Entspannung, weil tagsüber unser Bewusstsein auf die Dinge der materiellen Welt fixiert ist.

Als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. "wie kannst du es wagen", sprach sie mit zornigem Blick, in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen!" "Ach", antwortete er, lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein so großes Gelüsten, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekommt. Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: "Verhält es sich so, wie du sagst so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst; allein ich mache eine Bedingung: Du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter." Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen R a p u n z e l und nahm es mit sich fort.

Nach dem Kontakt der geistigen Ebene (symbolisiert durch den Vaters) mit einer sinnlich erfahrbaren Welt (symbolisiert durch den Garten der Zauberin) entsteht ein Kind. Es versinnbildlicht das höhere Bewusstsein des Menschen, das wie eine Pflanze am „aufkeimen“ ist. Es ist jedoch an die sinnlich erfahrbare Welt gebunden und kann nur existieren, wenn es in dieser Welt lebt. Dadurch muss der Vater das Kind in dieser Welt zurück lassen. Den Bezug zur geistigen Welt enthält Rapunzel ja in sich, denn als Kind ihres Vaters ist sie ja von geistiger Natur.

Die Bedingung der Zauberin versinnbildlicht also eine Konsequenz, die sich aus der Situation ergibt. Das Bewusstsein entsteht überhaupt erst durch den Kontakt des Geistes mit einer sinnlich erfahrbaren Welt. Wenn nichts da ist, was erkennen kann oder wenn nichts da ist, was erkannt werden kann, dann gibt es auch kein Bewusstsein.

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag und weder Treppe noch Türe hatte; nur ganz oben war ein kleines Fensterchen.

Der Bezug zur Sonne und auch die spätere Erwähnung ihres „goldenen“ Haares betonen, das Rapunzel dem Wesen nach von „geistiger“ Natur ist.

Die Zahl „zwölf“ versinnbildlicht Vollständigkeit und Vollkommenheit. Rapunzel konnte sich also bei der Zauberin vollständig in Freiheit entwickeln, bevor die in den Turm gesperrt wurde. Der Wald steht nun ähnlich wie im Märchen von Hänsel und Gretel für die materielle Welt.

Indem wir mit unserer Geburt die materielle Welt betreten und indem wir uns den Dingen der materiellen Welt zuwenden, wird unser höheres Bewusstsein regelrecht „weggeschlossen“. Es sind hauptsächlich unsere gewohnten Denkstrukturen und Vorstellungen, die sich an den Gegebenheiten der materiellen Welt orientieren, und die alles das ausschließen, was nicht ins gewohnte Weltbild bzw. Denkschema passt. Es ist die oben bereits erwähnte Zensur durch das Tagesbewusstsein. Wir mit unseren Vorstellungen sind es eigentlich selbst, die auf diese Weise unser höheres Bewusstsein auf einen „Turm“ verbannen der „weder Treppe noch Türe hatte“ - also in einen Bereich, der für uns unzugänglich ist.

In diesem Fall symbolisiert die Zauberin also eine Konsequenz, die sich aus unseren irdischen Denkgewohnheiten ergibt.

Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin und rief: "Rapunzel, Rapunzel, Laß mir dein Haar herunter !" Rapunzel hatte lange, prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Haare stehen symbolisch für die seelischen Kräfte (Bei Schneewittchen gibt es z.B. einen Mordversuch mit einem vergifteten Kamm.). Wenn man also über die Haare zu Rapunzel gelangt, so bedeutet dieses in der symbolischen Übersetzung, dass man über die emotionalen Kräfte das höhere Bewusstsein erreichen kann.

In diesem Fall zeigt die Zauberin wiederum eine Möglichkeit auf, die wir haben.

Bei mir ist es übrigens häufig so, dass sich bei spirituellen Themen, die mich emotional stark berühren, hauptsächlich die Haaren an den Unterarme aufstellen und regelrecht wie ein Messinstrument reagieren. Es ist für mich inzwischen fast so eine Art „Wünschelruteneffekt“ geworden, um entsprechende Motive und Themen aufzuspüren. Auch am Rücken und am Kopf spüre dabei manchmal ein Kribbeln. Über dieses Empfinden in den Haaren kann man also tatsächlich einen gewissen Zugang zum „inneren Wissen“ spüren. Solche Effekte und auch das sprichwörtliche „Aufstellen der Nackenhaare“ erklären zwar den symbolischen Zusammenhang von Haaren und Seele, aber es wäre sicherlich verkehrt, wenn man die Symbolik des Märchens nur auf solche körperlichen Effekte reduzieren würde.

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er stillhielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Türe des Turms: aber es war keine zu finden. Er ritt heim. Doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte.

Der Königssohn versinnbildlicht den Sucher, der in sich die Stimme des höheren Bewusstsein vernommen hat. Er hat etwas Wunderschönes erfahren und nun ist in ihm eine Sehnsucht erwacht und er sucht nach dem Ursprung dieser spirituellen Erfahrung. Aber er kann nicht zum Ursprung dieser Stimme gelangen, so lange er den Weg nicht kennt, der zum höheren Bewusstsein führt.

Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er, dass eine Zauberin herankam, und hörte, wie sie hinaufrief: "Rapunzel, Rapunzel, Lass mir dein Haar herunter !"Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. "Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen." Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:
"Rapunzel, Rapunzel, Lass mir dein Haar herunter !" Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.

Durch einen Zufall entdeckt der Sucher bzw. der Königssohn einen Weg zum höheren Bewusstsein. Er nutzt ihn und hat Erfolg.

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten. Doch der Königssohn fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzählte ihr, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden, dass es ihm keine Ruhe gelassen und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gotel, und sagte "Ja", und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: "Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann.

... aber ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann.

Was hier beschrieben wird, ist das typische Problem von Meditationserfahrungen. Man bekommt zwar kurzfristig einen Zugang zum höheren Bewusstsein. Aber man kann es nicht mitnehmen. Wenn man wieder ins Tagesbewusstsein zurück gekehrt ist, dann hat man wieder den Kontakt zum höheren Bewusstsein verloren.

Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten, und wenn die fertig ist, so steige ich herunter, und du nimmst mich auf dein Pferd." Sie verabredeten, dass er bis dahin alle Abende zu ihr kommen sollte: Denn bei Tag kam die Alte.

Der Königssohn bringt jedesmal etwas mit, womit das höhere Bewusstsein eine Verbindung flechten kann.

Auch wir Menschen bringen etwas mit, wenn wir Kontakt zum höheren Bewusstsein herstellen können: unsere Erfahrungen. Und auch aus diesen Erfahrungen kann man eine Leiter bauen, über die das höhere Bewusstsein erreichbar ist. Das geschieht, indem wir unsere Erfahrungen als Gleichnisse und Symbole verwenden, um die höhere Wirklichkeit beschreibbar zu machen. Auf der Grundlage unserer Erfahrungen schaffen wir also die Ideen und Vorstellungen, um das Geistige erkennen und beschreiben zu können. Wir schaffen auf diese Weise ein Band, um beide Ebenen miteinander zu verknüpfen.

Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: "Sag Sie mir doch, Frau Gotel, wie kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den jungen Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir ?" "Ach du gottloses Kind !" rief die Zauberin, "was muß ich von dir hören; ich dachte, ich hatte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen !" In ihrem Zorn packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und, ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief: "Rapunzel, Rapunzel, Lass mir dein Haar herunter !" so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. "Aha", rief sie höhnisch, "du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken !" Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab. Das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen.

Der Versuch, einen Zugang zum höheren Bewusstsein zu bekommen, scheitert in vielen Fällen. Der Königssohn glaubt, er würde zu Rapunzel aufsteigen, doch er landet bei der Zauberin. So gelangen tatsächlich viele Menschen, die auf der Suche nach dem Göttlichen sind, letztendlich dann doch bei einer Heilslehre, wo sie durch falsche Vorstellungen regelrecht blind für das Göttliche werden. Der Vogel ist ein Tier der Luft und damit ein Symbol für das Geistige. Und auch im vielen Heilslehren sind in dieser Hinsicht „lehre Nester“.

In diesem Fall weist uns die Zauberin auf ein typisches Problem hin, das übrigens sowohl beim Zugang über die seelische Seite als auch beim Zugang über die esoterische Symbolik auftreten kann.

In den Emotionen spürt man nicht nur die Stimme der Inspiration, sondern eben auch Ängste, Konditionierungen und Hoffnungen. Und vieles, was man für die Stimme des höheren Bewusstseins hält, ist eigentlich nur der Wiederhall unseres Tagesbewusstseins – eine Spiegelung unserer eigenen Vorstellungen.

Und auch der Zugang über die Symbolik birgt Gefahren. Schon viele Sucher haben sich wie im Märchen von Dornröschen im Dornengestrüpp der Symbole verheddert.

Über die Symbolik können wir das Göttliche erkennen, denn die Symbolik nutzt das Materielle und Dingliche, um das Immaterielle und Geistige zu umschreiben. Aber in vielen Fällen wird Symbolik nur noch sehr irdisch verstanden. Man sieht im Materiellen nur noch das Materielle. Es ist das typische Problem des verweltlichten und profanisierten Pseudochristentums. Man hält dort die mythischen Motive in den heiligen Texten für tatsächliche, historische Ereignisse, die angeblich in unserer materiellen Welt stattgefunden haben sollen. Und dadurch wird man tatsächlich blind für die geistige Wirklichkeit, die mit dieser esoterischen Symbolik umschrieben wird.

Da irrte er blind im Wald umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau.

Der Wald ist hier wieder als Gleichnis für die materielle Welt zu interpretieren. Der von den profanisierten und trivialisierten Heilslehren verwirrte und „erblindete“ Mensch irrt durch die materielle Welt.

So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und einem Mädchen, kümmerlich lebte.

Junge und Mädchen stehen ähnlich wie bei Hänsel und Gretel für die beiden Seelenkräfte „Denken“ (Element Luft) und „Fühlen“ (Element Wasser).

Das kümmerliche Leben des höheren Seelenanteils finden wir in ähnlicher Weise im Märchen von Aschenputtel und Motiv der „Wanderung durch die Wüste“ erinnert an den Weg der Israeliten in das gelobte Land aus der Moses-Geschichte.

Der Weg ins „gelobte Land“ ist ein entbehrungsreicher Weg durch viel „trockene Theorie“. (vgl. Die eherne Schlange)

Im Prinzip erleben wir hier drei Stufen des Aufstiegs:

Vom Wald über die Wüste zu Rapunzel.
Also von der Materieverhaftung über die trockene Theorie zum höheren Bewusstsein.

Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihm so bekannt. Da ging er darauf zu und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

Wenn man schließlich den Weg zum höheren Bewusstsein gefunden hat, dann kann man wieder klar sehen. Die Blindheit ist dann schlagartig überwunden. Auch wenn der Weg durch viel trockene Theorie führt, so ist dennoch das Erlebnis, wenn man schließlich den Zugang um höheren Bewusstsein erlebt, ein sehr emotionales Erlebnis, was durch die Tränen symbolisiert wird.


Andere Deutungen des Märchens:

http://www.puramaryam.de/maerchenwar.html
http://www.gabi-catal.de/rapunzel-3.htm