Prophezeiungen

 

Eine esoterische Deutung des Phänomens

von Elias Erdmann


Teil 1


e-Mail: elias.erdmann@gmx.de

Homepage: http://www.klarerblick.de/forum/viewforum.php?f=37

 

 

Ein Erklärungsmodell für Zukunftsvisionen

 

Bereits durch minimale Änderungen im Ablauf der Ereignisse kann es theoretisch zu ganz anderen Szenarien kommen. In manchen Situationen können mitunter sogar Millisekunden oder Millimeter über Leben und Tod entscheiden. Einmal auch nur einen Hauch anders reagiert und das Schicksal nimmt vielleicht einen völlig anderen Lauf. An diesen kleinen Details, die aber manchmal eine sehr große Wirkung haben können, müsste eigentlich jede langfristige Prophezeiung scheitern. Aber dennoch gibt es Wahrträume, Deja-Vu-Erlebnisse und Prophezeiungen, die sich später auch tatsächlich erfüllen.

 

Das wirft die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, in die Zukunft zu schauen und wie man diese Zukunftsvisionen ggf. erklären kann.

 

Ein Blick in die Zukunft setzt voraus, dass die Zukunft bereits feststeht und dass wir keine Möglichkeit haben, diese Zukunft selbst zu gestalten. In einem Roman ist das so und daher kann man etwas vorblättern und in die Zukunft dieser Geschichte schauen. Als Leser ist man nämlich nicht an den Zeitablauf des Romans gebunden, sondern man kann theoretisch wie ein „Zeitreisender“ beliebig im Ablauf des Romans hin und her springen. Man ist also quasi „überzeitlich“ bezogen auf den Zeitablauf des Romans. Aber man hat auch keine Möglichkeit in die Geschichte einzugreifen, denn nicht nur die Zukunft steht im Roman fest, sondern die gesamte Handlung. Würde man sich auf einer beliebigen Seite des Romans die Freiheit nehmen und die Handlung umschreiben, weil einem z.B. die Konsequenzen der Handlungen nicht gefallen, so müsste man auch alle weiteren Seiten umschreiben, denn sonst würde die Geschichte nicht mehr zusammen passen und es gäbe Brüche in der Kausalität. Doch damit würde sich die Zukunft verändern und der alte Blick in die Zukunft hätte nicht die jetzt aktuelle und tatsächliche Zukunft gezeigt, sondern eine Variante der Zukunft, die nicht realisiert wurde.

 

Eine gewisse Entscheidungsfreiheit und eine hundertprozentig feststehende Zukunft schließen sich also gegenseitig aus.

 

Wenn man einen freien Willen hat und damit die Gegenwart verändern kann, dann kann die Zukunft nicht feststehen – auch nicht aus einer „überzeitlichen“ Perspektive. Dann kann man auch nicht wirklich in die Zukunft schauen, sondern bestenfalls in eine mögliche, wahrscheinliche oder geplante Zukunft. Aber Dinge, die heute noch möglich sind, können eventuell bei einer Änderung der Rahmenbedingungen schon morgen unmöglich sein, Wahrscheinlichkeiten können sich ändern und Pläne können scheitern.

 

Eine Möglichkeit kann aber ebenso auch eintreten und ein Plan kann gelingen und wenn man diese Möglichkeit oder diesen Plan schon vorher gesehen hat, dann entsteht natürlich der subjektive Eindruck, man habe tatsächlich „in die Zukunft“ geschaut. Dass gelegentlich dieser Eindruck entsteht, ist also noch kein Beweis für eine feststehende Zukunft, sondern eben nur ein Hinweis, dass diese Möglichkeit vorher schon mehr oder weniger bewusst durchgespielt wurde oder dass der Plan dieser Ereignisse bekannt war.

 

Auch wenn unserem Tagesbewusstsein so ein Plan nicht immer bekannt ist, so kann es durchaus andere planende Instanzen geben, die diesen Plan schon vorab kennen und ihn offenbaren können. Es gibt aber keinen Grund, diese planende Instanz gleich in allen Fällen mit einem höchsten Gott gleich zu setzen. Ebenso könnte diese Instanz in manchen Fällen auch durchaus nur eine „verborgene Schicht der eigenen Seele“ sein, die etwas weiter vorausplant und die jetzt schon über Ereignisse nachdenkt, die unserem Tagesbewusstsein noch nicht zugänglich sind. Auch die Pläne anderer Menschen könnten uns eventuell unbewusst oder auf telepatischen Weg erreichen und visualisiert werden.

 

Immer wenn ein Zug pünktlich in den Bahnhof einläuft, dann geht ein Plan in Erfüllung. In diesem Sinn ist sicher das Kursbuch der Bundesbahn eines der prophetischen Bücher mit der höchsten Trefferquote, obwohl auch bei der Bundesbahn die Zukunft nicht wirklich fest steht. Erfüllte Prophezeiungen setzen also keinesfalls eine feststehende Zukunft voraus. Es kann immer etwas dazwischen kommen und der Zug kann sich verspäten – auch wenn es so nicht geplant ist. Wenn wir in das Kursbuch blicken, sehen wir also nicht die Zukunft selbst, sondern den Plan der Zukunft. Ebenso ist es mit Zukunftsvisionen, denn auch sie sind nur Visualisierungen von Plänen und man sollte die Visualisierung eines zukünftigen Plans nicht mit einem Blick in die Zukunft verwechseln.

 

Wir haben zwar hiermit nun ein Erklärungsmodell, wie Wahrträume und Zukunftsvisionen funktionieren, aber kein Kriterium, um vorab zu entscheiden, welcher Traum und welche Vision auch tatsächlich Hinweise auf die Zukunft enthält und welches Szenario dann letztendlich eintreffen wird. Manche Gefahren, vor denen in älteren Prophezeiungen gewarnt wurde, könnten eventuell schon überstanden sein. Manche Ängste, die visualisiert wurden, waren eventuell sogar völlig unbegründet. Und möglicherweise wurde auch manches irrtümlich als „Zukunftsvision“ gedeutet, was man auch ganz anders hätte interpretieren können.

 

In dieser Untersuchung wird aufgezeigt, dass einige der typischen „prophetischen“ Motive aus einer esoterischen Perspektive auch vollkommen anders interpretiert werden können – als Offenbarungen

 

-         über den Aufbau der Schöpfung

-         über den Zyklus der Seele

-         über den Sinn des Lebens

-         über den Entwicklungsweg des Menschen

 

und als Gleichnisse für eine andere Wirklichkeit.

 

Die typischen Motive in den Prophezeiungen

 

In den bekannten Prophezeiungen tauchen immer wieder ähnliche Motive auf:

-         der Mord an einem Hochgestellten

-         ein Komet, Meteorit oder ein anderer Himmelskörper

-         das Kreuz am Himmel

-         der Sternenfall

-         ein dritter Weltkrieg

-         drei finstere Tage

-         der Polsprung (ein Kippen der Erdachse)

-         Überschwemmungen

-         drei Kronen bzw. drei Monarchien

-         das goldenes Zeitalter

-         eine Anhebung der Frequenz

-         ein Sprung in die nächste Dimension, ...

 

Doch was bedeuten diese Bilder und wie können wir sie interpretieren?

 

Das konventionelle Prophezeiungs-Szenario

 

Vielfach sind es bereits die Seher selbst, die diese Motive als die Vorzeichen eines zukünftigen Katastrophen-Szenarios interpretieren und so gingen diese Bilder auch immer wieder als „Prophezeiungen zukünftiger Katastrophen“ in die Literatur ein. In der üblichen Literatur werden diese Motive zumeist zu folgendem Gesamt-Szenario zusammen gesetzt, das ich hier massiv gekürzt wiedergebe.

 

Nach einer Wirtschaftkrise, einem weiteren Nahostkonflikt und dem Mord an einem Hochgestellten im Balkan kommt es zu einem spontanen Einmarsch der Russen in Deutschland. Mit einem gelben Giftgas-Strich von Prag zur Ostsee schneidet der Westen die Nachschubwege der Russen ab. Auf dem Höhepunkt des Krieges kommt es durch die Einwirkung eines Himmelskörpers auf die Erde zu einer gewaltigen Naturkatastrophe, was schließlich zu der dreitägigen Finsternis und zu einem Kippen der Erdachse führt. Der Krieg ist dadurch beendet. Danach werden drei Monarchien errichtet und das „Goldene Zeitalter“ beginnt.

 

Es ist aber keinesfalls sicher, dass dieses Szenario auch wirklich so eintreten wird, denn an diesen Szenario gibt es mehrere Kritikpunkte.

 

Die Kritik an der konventionellen Interpretation

 

Vorbemerkung

 

Um es gleich vorweg deutlich zu sagen: Die nachfolgende Kritik an diesem Szenario und an der konventionellen Interpretation soll auf gar keinen Fall dahingehend missverstanden werden, dass damit nun grundsätzlich Entwarnung gegeben wäre. Es gibt auch weiterhin und auch völlig unabhängig von allen Visionen und Prophezeiungen noch genügend andere Gründe für eine private Krisenvorsorge, denn die Zeichen der Zeit stehen aus unterschiedlichen Gründen mittelfristig auf Kollaps:, z.B. wegen:

 

-         der Überalterung der Bevölkerung in den Industrieländern und dem Rentenproblem

-         der Staatsverschuldung und der Überschuldung vieler Konzerne

-         dem Verbrauch von Rohstoffen und anderen natürlichen Ressourcen

-         der Versteppung von Ackerland

-         den Grenzen des Wachstums

 

Einige wirtschaftliche, soziale und ethnische Probleme sind also durchaus für die Zukunft zu erwarten. Auch einige Krisenherde – z.B. im nahen Osten - kommen nicht zur Ruhe und können jederzeit eskalieren.

 

Die Frage des Zeitpunktes

 

Die Kritik an dem konventionellen Szenario beginnt schon mit dem Datum. Der zeitliche Rahmen ist extrem ungewiss. Hier geht es teilweise noch nicht mal mehr um Jahre, sondern sogar um Jahrhunderte oder Jahrtausende. Einige der Prophezeiungen sind schon sehr alt und schon sehr viele Generationen bezogen diese Vorhersagen auf jeweils ihre Epoche. Innerhalb der Prophezeiungs-Szene und -Literatur wird aber leider über das Thema der extremen zeitlichen Unschärfe zumeist sehr großzügig hinweg gegangen. So wird sogar die Offenbarung des Johannes immer wieder auf unsere Zeit uminterpretiert, obwohl dort doch gleich in den ersten Zeilen eindeutig steht, dass es aus damaliger Sicht „in Kürze“ (Joh 1,1) geschehen sollte und dass damals die „Zeit [..] nahe“ war. Auch bei den Feldpostbriefen und bei Irlmaier ist der prophezeite Weltkrieg inzwischen seit Jahrzehnten überfällig.

 

Oftmals wurde von Interpreten auch 2002 als das Jahr des Kriegsausbruchs errechnet, denn Nostradamus schrieb in Centurie X 89:


Mit Steinen aus Marmor werden die Mauern wieder aufgebaut.
57 Jahre Frieden.
Freude unter den Menschen, die Wasserleitung erneuert,
Gesundheit, große Früchte, Freude und eine zuckersüße Zeit.

 

Der in diesen Zeilen beschriebenen Wohlstand könnte durchaus ein Hinweis auf unsere Zeit sein, denn seit den Tagen von Nostradamus gab es sicher keine andere Epoche, auf die diese Zeilen besser gepasst hätten. Doch wenn man von einem Kriegsende 1945 ausgeht, so sind im Sommer 2002 diese 57 friedvollen Jahre abgelaufen. Das zeigt einmal mehr die prinzipielle Schwäche solcher spekulativen Berechnungen.

 

Häufungen und Übereinstimmungen bei Prophezeiungen?

 

Eines der Hauptargumente für die Stimmigkeit des konventionellen Szenarios, das von den Befürwortern immer wieder vorgebracht wird, ist der angebliche so hohe Grad an Übereinstimmung der Visionen. Man mag sich denken: "Wenn alle das gleiche prophezeien, dann wird wohl auch etwas dran sein" und so gibt es in der Literatur statistische Analysen und Fallsammlungen, wo teilweise sogar Hunderte von Quellen zusammengestellt und ausgewertet werden. Doch die reine Menge und der scheinbar so hohe Grad an Übereinstimmung ist tatsächlich kein sicheres Kriterium für die Echtheit der Zukunftsvisionen, denn eine Vielzahl der Quellen sagte beispielsweise für Deutschland einen Kriegsausbruch für die Jahre 1998 bis 2000 voraus, doch diese Zeit haben wir glücklicherweise ohne größere Probleme überstanden. Daher ist es nun auch keinesfalls sicher, dass die anderen Häufungen in den nächsten Jahren passend zur Prophezeiungsliteratur eintreten werden. Trotz aller Häufungen in der Literatur kann es also auch vollkommen anders kommen.

 

Wenn man etwas genauer hinschaut, entpuppt sich aber auch der scheinbar so hohe Grad an Übereinstimmung als ein Trugbild. Einerseits umfasst das konventionelle Szenario so ziemlich alle theoretisch vorstellbaren Katastrophen und so lässt sich natürlich auch fast jedes prophezeite Detail in irgendeiner Weise in dieses Gesamt-Szenario integrieren. Andererseits ist die Quellenlage aber auch keinesfalls so eindeutig, wie oftmals in der Literatur behauptet wird. Zwar gibt es durchaus vereinzelt Hinweise auf einen russischen Angriff, aber es gibt eben auch anderes. So kommt z.B. bei Hepidanus der Angriff nicht aus dem Osten, sondern „der Norden zieht nach Süden als Feind, der Sohn gegen den Vater“. Russland ist nun aber ganz sicher nicht der „Sohn“ Europas und liegt von Europa aus auch nicht im Norden. Wir müssen also zwei Staaten, Völker, Königshäuser oder Kulturen betrachten, die sich zueinander verhalten wie Vater zu Sohn, wobei der Sohn im Norden liegt. England gegen Deutschland? Deutschland gegen Italien?, Europa gegen Ägypten? NATO gegen Irak? Alles das passt hier sicher besser als ausgerechnet Russland gegen Deutschland.

 

Trotzdem werden auch solche Quellen immer wieder in der typischen Prophezeiungsliteratur als Bestätigung für das Gesamt-Szenario gewertet und teilweise mit sehr viel Phantasie passend gemacht.

 

Übereinstimmungen durch gemeinsame Quellen

 

Es gibt tatsächlich einige verblüffende Übereinstimmung bei manchen Prophezeiungen – teilweise sogar bis in den Wortlaut – aber diese Übereinstimmungen können in vielen Fällen auch anders erklärt werden, besonders dann, wenn man den gleichen Wortlaut auch schon in einem so populären Buch wie der Bibel finden kann, wie im Fall der „3 finsteren Tage“. Solche Aussagen sind also vermutlich nicht wirklich immer unabhängig von einander entstanden.

 

Ein paar Beispiele für biblische Übernahmen.

 

-         3 finstere Tage (2. Mose 10,22)

-         Finsternis und Sternenfall (Mk.13,24)

-         der Himmelskörper (Offb. 8,11)

-         „Friede, Friede, doch kein Friede“ von Bauer Jasper (Luther 95 Thesen; Hesekiel 13,10)

 

Übereinstimmungen durch Rückkopplungseffekte

 

Wenn jemand eine Geschichte aufgreift und erneut erzählt, so entsteht der Eindruck, dass die Geschichte nun durch eine weitere Aussage bestätigt sei. Bei einigen prophezeiten Grundmotiven entsteht der Eindruck, dass hier auch ältere Motive immer wieder erneut aufgegriffen und wiederholt werden: So ein Rückkopplungseffekt kann natürlich bereits auftauchen, indem jemand ein gelesenes oder gehörtes Zitat mehr oder weniger bewusst in seine Visionen mit einbaut.

 

Aber auch parapsychologische Effekte scheinen hierbei eine Rolle zu spielen. Wenn man annimmt, dass jeder Mensch gleichzeitig telepathischer Sender und Empfänger ist, so kann es auch auf diese Weise zu Rückkopplungen kommen, wobei sicherlich die Angst ein selektiver Verstärker für die rückgekoppelten Gedanken ist. Weiterhin scheint es eine kollektive Gedächtnis-Datenbank zu geben. Vergleichbare Beschreibungen finden sich in der Literatur sowohl bei Rupert Sheldrake unter dem Begriff des "Morphogenetischen Feldes" als auch in der Esoterik unter der Bezeichnung "Akasha-Chronik". Doch so eine Datenbank kann immer nur das enthalten, was man in sie einspeichert. So sind Einblicke in diese Daten auch keine wirklich unabhängigen und neuen Offenbarungen, sondern Wiederholungen älterer Ideen. Ebenso kann es auch durch Channeling zu Rückkopplungen kommen, wenn uns ein Verstorbener seine Erkenntnisse erneut „offenbart“.

 

Der hier beschriebene Rückkopplungseffekte funktionieren rein theoretisch auch dann, wenn überhaupt keine real existierende Basis-Information über die Zukunft vorliegt. Durch einen selektiven Empfangs-, Wahrnehmungs-, Verstärkungs- und Verbreitungseffekt wird sich auch ohne eine reale Grundlage langfristig ein stabiles und selbststabilisierendes Prophezeiungs-Szenario aufbauen. Jeder, der an diesem Netzwerk der Sender und Empfänger beteiligt ist, verstärkt entsprechend seiner Urängste gewisse Informationen. Dadurch entspricht die Häufung der auf diese Weise "offenbarten" Zukunft weitgehend dem Mittelwert der Urängste.

 

Es kann hier regelrecht eine Evolution der Angstmotive geben, in der genau die Angstmotive überleben, die bei möglichst vielen Menschen am meisten Angst erzeugen und die somit optimal verstärkt werden und so züchtet man auf diese Weise einen „Dämon der Angst“ heran.

 

Übereinstimmungen durch gleiche methodische Fehler bei der Interpretation

 

Manche Übereinstimmungen ergeben sich auch dadurch, dass gleichartige Offenbarungen und archetypische Motive, die eventuell auch gar nichts mit der Zukunft zu tun haben, irrtümlich als Zukunftsvisionen fehlinterpretiert werden. Würden beispielsweise unterschiedliche Leute einen Stadtplan irrtümlich als „Zukunftsvision“ fehlinterpretieren, so gäbe es bei den prophezeiten Szenarien sicherlich auch einige signifikante Übereinstimmungen, obwohl letztendlich keines der prophezeiten Ereignisse tatsächlich so eintreten würde. Auf diesen Effekt wird später noch eingegangen und der Plan von „Zyklus der Seele“, der vielen visionären Motiven zu Grunde liegt, wird noch ausführlich ausgebreitet.

 

Wiederholung älterer Motive

 

Es entsteht der Eindruck, das mitunter auch Variationen älterer Motive in diesem Szenario wiederholt werden. So begann beispielsweise auch schon der erste Weltkrieg mit einem Mord an einem Hochgestellten auf dem Balkan und zwar mit dem Attentat auf Österreich-Ungarns Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo am 28. Juni 1914.

 

Die Weltlage nach Überwindung des kalten Krieges

 

In den letzten Jahrzehnten seit dem Mauerfall in Berlin und seit der Auflösung des Warschauer Paktes haben sich die politischen Verhältnisse und die Grenzen in Europa extrem verändert, so dass einige Szenarien aus der Zeit des kalten Krieges heute nicht mehr realistisch sind. Russland könnte zwar rein theoretisch noch immer Europa angreifen, aber sicherlich ist es heute nicht mehr möglich, für einen spontanen Einmarsch Truppen hinter den Eisernen Vorhang zusammen zu ziehen, denn dieser verläuft inzwischen nicht mehr quer durch Europa. Wenn heute ein Ost-West-Krieg ausbrechen würde, dann würde er ganz sicher nicht mit überraschend einmarschierenden russischen Soldaten beginnen. Um uns mit Soldaten zu überraschen, dafür ist inzwischen einfach der Weg viel zu weit. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass die Menschen in Deutschland im wörtlichen Sinne noch im Wirtshaus beim Kartenspiel beieinander sitzen und dass die einmarschierenden Soldaten schon durchs Fenster schauen, wie es konkret in einer Prophezeiung von Alois Irlmaier dargestellt wird: (Die Bauern sitzen beim Kartenspielen im Wirtshaus, da schauen die fremden Soldaten bei den Fenstern und Türen herein.). Bei einer intakten deutschen Verteidigung wäre es sicher für Russland auch ein regelrechtes Himmelfahrtskommando, Soldaten einmarschieren zu lassen und nach einer Zerstörung der deutschen Verteidigung würde vermutlich kaum noch jemand in einem Wirtshaus von einmarschierenden Soldaten überrascht werden.

 

Auch der Giftgas-Strich orientiert sich noch an den Grenzen aus der Zeit des kalten Krieges.

 

Es mag durchaus sein, dass in der Zeit des kalten Krieges diese Gefahr eines russischen Angriffs tatsächlich mehrfach akut war und dass damalige Seher vollkommen zu Recht vor dieser Gefahr gewarnt haben. Da sich die Situation aber seit einigen Jahren geändert hat, dürften einige dieser Warnungen heute nicht mehr akut sein. Es ist aber ebenso vorstellbar, das auch „verdrängte Ängste“ vor einem Angriff aus dem Osten in den Visionen immer wieder Gestalt angenommen haben. Immerhin gab es auch schon in früheren Zeiten Bedrohungen aus dem Osten, z.B. durch Hunnen oder Mongolen.

 

Verfremdungseffekte ähnlich wie bei Träumen

 

Visionen unterscheiden sich von Träumen primär durch eine intensivere Wahrnehmung und oftmals auch durch eine Projektion der Bilder nach außen. Abgesehen davon scheinen aber sowohl bei Träumen als auch bei Visionen die gleichen Mechanismen in der Ausgestaltung vorzuliegen, so dass man die Methoden der Traumdeutung durchaus auch auf manche Visionen anwenden kann.

 

Diese Verfremdung geschieht immer nach recht ähnlichen Methoden:

-         Zusammenziehen unterschiedlicher Situationen zu einer

-         Aufteilung einer Situation in Teilaspekte

-         Verkürzung von Abläufen

-         Symbolische/assoziative Ersetzungen

-         Ergänzungen mit fremden Elementen

-         Ausgestaltung von Ängsten und Wünschen

-         ...

 

Dieser Effekt der Verfremdung und Ausschmückung visionärer Inhalte zeigt uns auch eines der prinzipiellen Probleme in der Interpretation von Visionen. Nebensächliche Informationen, aus denen wir glauben, Jahreszeit und Rahmenbedingungen ablesen zu können, sind nicht notwendigerweise der eigentliche visionäre Inhalt, sondern eben möglicherweise auch nur eine Ergänzung durch den Seher. Die unterschiedlichen Verfremdungs- und Ergänzungseffekte bewirken aber auch, dass man aus der Richtigkeit einer Aussage nicht auf die Richtigkeit der anderen Aussagen schließen kann.

 

Zu einer irrtümlichen Verkürzung der Abläufe kann es auch kommen, wenn man in einer Vision von einer spontan auftauchende Szene überrascht wird und daraufhin vermutet, dass die Situation später auch überraschend kommen müsse.

 

Fazit:

 

Es ist also nicht viel, was nach diesen Überlegungen von diesem „konventionellen Interpretationsansatz“ und dem typischen „Katastrophen-Szenario“ übrig bleibt: Das Grundprobleme ist, dass im konventionellen „Prophezeiungseintopf“ unterschiedliche Elemente und Motive vermengt werden, die nicht in einen Topf gehören:

 

-         tatsächliche „Zukunftsvisionen“

-         Warnungen vor Gefahren, die wir schon überstanden haben (z.B. aus der Zeit des kalten Krieges)

-         alte biblische Motive ( z.B. 3 finstere Tage)

-         vergangene Ereignisse, (z.B. das Attentat, das zum ersten Weltkrieg führte)

-         tief sitzenden Ur-Ängste (z.B. Gefahr aus dem Osten)

-         missverstandene Symbolik (z.B. Zyklus der Seele)

-         Verfremdungseffekte und Ergänzungen

 

Ein neuer Ansatz für die Interpretation dieser Visionen

 

Meine persönlichen Erfahrungen mit Träumen und Visionen

 

Seit frühster Kindheit hatte ich einige Träume, die sich häufig wiederholten und die mir oftmals eine recht fremdartige Welt zeigten. Ich sah schroffe Gebirgszüge, riesige Stufen in der Landschaft, Erdschichten bis fast zur Regenrinne, Ausgrabungsarbeiten in diesen Erdschichten, Überschwemmungen, zerstörte Städte, Ruinen, Zerstörungen an unserem Wohnhaus und Reparaturarbeiten, ... Als Kind schenkte ich jedoch diesen Träumen noch keine größere Aufmerksamkeit. Es waren für mich eben „nur“ Träume und so betrachtete ich diese Bilder einfach nur als wirres Zeugs. Als ich später als Jugendlicher von Prophezeiungen erfuhr, die einen dritten Weltkrieg und eine globale Naturkatastrophe vorhersagten, entdeckte ich eine gewisse Ähnlichkeit dieser Motive mit meinen eigenen Traum-Bildern. Einige recht banale, aber dennoch signifikante Wahrträume, die ich damals hatte und die sich im Laufe der Zeit tatsächlich erfüllten, bestätigten mich anfangs in dieser Vermutung, dass eventuell auch die andere Traum-Motive Bilder der Zukunft sein könnten.

 

Ich experimentierte damals auch mit autogenem Training und Meditation und erlebte dabei gelegentlich in Momenten der inneren Stille, dass weitere, ähnliche Bilder in mir auftauchten. Damals begann ich auch, alles über Prophezeiungen zu lesen, was ich auch nur in die Finger bekam. Etwa 20 Jahre lang (von 15 bis 37) beschäftigte ich mich in meiner Freizeit intensiv mit dem Thema und glaubte in dieser Zeit anfangs auch selbst an das „konventionelle Prophezeiungs-Szenario“. Aber irgendwann begannen die Zweifel an diesem Szenario und es wurde für mich immer deutlicher, dass die visionären Motive auch ganz anders interpretiert werden können – als Offenbarung eines esoterischen Ur-Wissens, das tief in uns verschüttet ist und das in kleinen Portionen in Form von Gleichnissen und Symbolen wieder in unser Bewusstsein drängt.

 

Im Laufe der Zeit war mir immer wieder aufgefallen, dass viele der „prophetischen“ Motive in sehr ähnlicher Form auch in Mythen, Märchen und Fantasy-Filmen auftauchten, aber oftmals nicht als Prophezeiungen zukünftiger Ereignisse. So begegnet uns z.B. das Motiv des Sternenfalls auch im Sterntaler-Märchen, ohne dort als künftige Katastrophe interpretiert zu werden. Mir persönlich fiel hauptsächlich immer wieder das Grundmotiv einer hügligen Gras- oder Rasenlandschaft auf, die etwas an Irland oder an die schottischen Highlands erinnert. Ich selbst sah mich z.B. in einem Traumzyklus, wie ich mit meinem Vater bei uns auf dem Dach saß und es reparierte. In das Dach war ein Loch gerissen und ich saß dort, so dass der Oberkörper komplett im Freien war und meine Beine hingen unterhalb des Dachs in das Treppenhaus. Das Erdreich war etwa 6 Meter höher als normal und reichte fast bis zur Regenrinne des Zweifamilienhauses. Draußen sah ich keine Bäume, sondern nur eine hüglige Landschaft mit grünen Wiesen und vereinzelt einigen Felsen. So eine Szene kann man durchaus als die Folge einer gewaltigen Naturkatastrophe deuten. Aber dieses grüne hügelige Grasland begegnet uns z.B. auch als „Auenland“ im Buch „Herr der Ringe“ und es hat auch eine gewisse Ähnlichkeit zu der Landschaft der Teletubbies. Ich frage mich manchmal, ob in den ersten Lebensjahren die Erinnerungen an diese Landschaft noch nicht so stark verschüttet sind und ob diese Serie bei Kleinkindern eventuell diese Erinnerung gezielt anspricht. Besonders die Darstellung der oberen Welt im Fantasy-Film „Jagd auf den Schatz der Riesen“, in dem das Märchen „Hans und die Bohnenranke“ (Jack and the Beanstalk) etwas erweitert wurde, erinnerte mich sehr stark an genau diese Landschaft, die ich von meinen Bildern her kannte. So wie Hans (bzw. Jack, wie er im Film heißt) durch die Bohnenranke diese „höhere“ Welt erreichen konnte, so gelangte ich in meinen Träumen durch das Loch im Dach auch in diese andere Welt. Somit hatte ich eine alternative Deutung dieser „höheren“ Graslandschaft als ein Gleichnis bzw. als eine Metapher für eine „höhere Wirklichkeit“.

 

Offensichtlich spricht dieses archetypische Motiv vom hügeligen Grasland ganz viele Menschen an, so dass es auch immer wieder in Märchen, Mythen und Fantasy-Filmen mehr oder weniger bewusst eingearbeitet wird. Möglicherweise haben sich bei einigen Märchen durch die lange Erzähltradition auch gerade diese archetypischen Motive herauskristallisiert, die uns an ein Ur-Wissen erinnern, das tief in uns allen verschüttet ist. Das wäre quasi eine Art „Evolution der Märchen“, wobei die Erzähler den Stoff immer wieder mutieren lassen und unser verborgenes Wissen die Selektion der Motive vornimmt, bis schließlich das Märchen optimal unserem verborgenen Wissen und den archetypischen Bildern unserer Seele entspricht. Weil dieses innere Wissen auf diese mythischen Motive und Symbole „reagiert“, kann man übrigens auch mit Hilfe von Märchen, Mythen und Fantasy-Filmen das in uns ruhenden Ur-Wissen regelrecht freilegen.

 

Es war vor allem eine Vision, die mir diesen Zusammenhang zwischen Grasland und höherer Wirklichkeit verdeutlichte: Ich merkte im Halbschlaf, als meine Gedanken zwar schwiegen, ich aber trotzdem voll bei Bewusstsein war, wie ich plötzlich in einer anderen, „höheren“ Realität aufwachte. Es war so, als ob ich dort aus meinem Traum aufgewacht sei, den ich hier auf der Erde für die Realität halte. Spontan war mir klar: Wenn wir in dieser „höheren“ Welt einschlafen, dann tauchen wir in die Welt ein, die wir hier im Alltag als Realität empfinden. Ich lag dort in dieser anderen Realität auf einer Liege und diese hing mit Seilen von der Decke einer riesigen abgedunkelten Halle. Die Halle hatte etwa die Abmessung einer Wartungshalle für Flugzeuge und die Form eines Würfels. Ich hing in ziemlicher Höhe und nur ganz unten fiel durch einen kleinen Eingang etwas Licht in die große Halle. So wie ich hingen auch noch unzählige andere Leute in dieser Halle - übereinander und nebeneinander. Ich sah, wie manche der Leute abgeseilt wurden und sich auf diese Weise fast schwebend auf den kleinen hellen Eingang zu bewegten. Obwohl ich nur in der Halle war, wusste ich dennoch, wie es draußen aussah. Es war eben jene typische hüglige Graslandschaft. Richtige Bäume gab es da eigentlich nicht - bestenfalls kleines Gewächs. Auf einem Hügel schien so etwas wie ein heiliger Stein zu sein – vielleicht ein Altar oder Gedenkstein. Hinter dieser Landschaft war ein steiles und extrem tiefes Tal und hinter diesem Tal sah ich große Berge, so wie man sie auch in den Alpen sieht. Ich hatte den Eindruck, dass der Übergang von der hügligen Graslandschaft zum Tal sehr abrupt war - fast wie eine Kante - und dass die Steilwand annähern senkrecht hinab ging. Auch dieses Detail stimmt übrigens exakt mit der Darstellung im Film „Jagd auf den Schatz der Riesen“ überein.

 

Bildaufteilung in der Vision:

 

 

Berge in der Ferne

 

 

steiles Tal

 

Hügel mit heiligem Stein

Weg von unten an der Halle vorbei zum Hügel

Halle in der Form eines Würfel

 

Da ich auch in anderen Bildern eine „Stufe“ in der Landschaft sehe, vermute ich, dass dieses nur eine andere Perspektive auf die gleiche Kante ist. Einige symbolische Details dieser Szene runden die Interpretation ab, dass diese Szene ein Gleichnis ist für das Verhältnis zwischen der höheren Realität und unserer Realität in der materiellen Welt. Das Eintauchen in unsere Welt geschieht in einem abgedunkelten Würfel. Der Würfel ist ein Symbol für die Materie, die häufig auch mit "Finsternis" gleichgesetzt wird. Auch das tiefe Tal unterstützt den Eindruck von den zwei Ebenen. (Ps. 23,4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, ...) Dass man im Würfel an Seilen hängt, unterstreicht, dass wir an der Materie hängen bzw. an sie gebunden sind. Das Zuschweben auf das Licht beim Ausgang erinnert an typische Todesnäheerlebnisse.

 

Als Kind hat mich übrigens dieses Märchen von Hans und der Bohnenranke noch nicht besonders interessiert und in diesem Märchen selbst wird das Grasland auch nicht erwähnt. Die Übereinstimmungen ergeben sich erst bei der Verfilmung.

 

Ich betrachte diese Szene als ein „Gleichnis“ bzw. als Metapher und glaube nicht, dass ich wirklich irgendwo in einer abgedunkelten Halle schlafend auf einer Liege an einem Seil hänge. Aber dieses Gleichnis ist vermutlich die einzig mögliche Art, mir diese andere, fremde Wirklichkeit in Bildern zu zeigen, die meiner Alltagserfahrung entsprechen und mit denen ich hier etwas anfangen kann.

 

Auf diese Weise fand ich eine neue Interpretation der hügligen Graslandschaft. Anstatt sie als Folge einer zukünftigen Naturkatastrophe zu deuten, erkannte ich nun in dieser Landschaft ein archetypisches Motiv und ein symbolisches Gleichnis für eine höhere Wirklichkeit. In ähnlicher Weise konnte ich auch viele andere visionären Motive neu deuten, die in der populären Prophezeiungsliteratur üblicherweise auch als zukünftige Konflikte und Katastrophen interpretiert werden. Damit will ich aber keinesfalls behaupten, dass absolut alle visionären Motive auf diese Weise zu interpretieren sind. Einige Elemente aus der Prophezeiungs-Literatur können also durchaus tatsächliche Zukunftsvisionen sein, vermutlich aber deutlich weniger, als allgemein angenommen.

 

Leider kann ich noch nicht alle der typischen „prophetischen“ Motive eindeutig entschlüsseln, weil ich bei einigen Motiven selbst noch keine eigenen Erfahrungen habe, die ich genauer untersuchen könnte. Die Grundbotschaft vom „Zyklus der Seele“, die in den wichtigsten visionären Motiven offenbart wird, kann man aber schon jetzt mit den vorhandenen Fragmenten weitgehend rekonstruieren.


 

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