Was ist Esoterik?


Teil 2


von Elias Erdmann

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Die Rolle des Symbols

 

Im Zusammenhang mit dem esoterischen Textverständnis begegnen uns in der Literatur immer wieder die Begriffe: Gleichnis, Sinnbild, Symbol, Allegorie und Metapher. Diese verschiedenen Begriffe werden jedoch von unterschiedlichen Autoren nicht immer in gleicher Weise voneinander abgegrenzt. So kann es passieren, das ein Autor zwei Begriffe als Synonym verwendet, während ein anderer Autor gerade die Unterschiedlichkeit der beiden Begriffe betont.

 

Ein Gleichnis ist eine Veranschaulichung mit Hilfe eines Vergleichs.

 

Ein Sinnbild ist eine bildhafte Veranschaulichung einer abstrakte Vorstellung.

 

Ein Symbol (gr. sym ballein = zusammenwerfen) ist ein Zeichen, das über sich hinaus auf etwas anderes hinweist.

 

Die Vorsilbe „Sym“ bedeutet „zusammen“ und „bol“ ist sprachlich mit „Ball“ und „Bowling“ verwand und bedeutet „geworfen“ (griech. ballein = werfen). Ein Symbol ist etwas „zusammen geworfenes“. Man kann sich das vorstellen wie die Schatzkatze im Wildwestfilm, wo zwei Leute eine Hälfte haben, die aber erst dann komplett ist, wenn man beide Seiten zusammen wirft.

 

In der Antike war ein Symbolon eine Art Siegel, das in zwei Teile gebrochen wurde. Man konnte die Echtheit eines Teils erkennen, indem man es an die abgebrochene zweite Seite legte. In diesem Sinne wurden die beiden Teile zusammen geworfen. So gibt es eine Beziehung zwischen den beiden Teilen. Die eine Seite verweist auf die andere.

 

Die Allegorie (gr. allegorein = etwas anders sagen, bildlich reden) ist eine Personifizierung oder Verdinglichung eines abstrakten Sachverhaltes.

 

Eine Metapher (gr. meta pherein = anderswo hintragen) ist der Gebrauch eines Wortes im übertragenen Sinn.

 

All diesen Begriffen ist eines gemeinsam: Es wird etwas verwendet, um etwas anderes zu beschreiben und zu veranschaulichen.

 

Bei der esoterischen Symbolik werden – wie bereits erwähnt - zumeist materielle Dingen und menschliche Beziehungen verwendet, um geistige Zusammenhänge und innere Prozesse zu beschreiben und zu veranschaulichen. Es wird jedoch im Text nicht permanent erklärt, dass die Leute und die Dinge, die in einer Geschichte vorkommen, eigentlich nicht wörtlich zu verstehen sind, sondern als Personifikationen und Verdinglichungen. So kann sehr leicht der falsche Eindruck entstehen, dass es in den Geschichten tatsächlich nur um diese irdischen Ereignisse ginge, zumal die Handlung auch oftmals in reale Orte verlegt wird.

 

Der Glaube vieler Exoteriker basiert genau auf dieser Vorstellung. Sie interpretieren die Geschichten der heiligen Texte in erster Linie als historische Ereignisse und ihr Glaube basiert darauf, dass diese Dinge ganz real passiert sind. Für einen Esoteriker spielt es hingegen keine Rolle, ob diese Dinge tatsächlich passiert sind oder auch nicht. Es geht ihm nicht darum, was irgendwann mal vor 2000 Jahren in einem fernen Land passiert ist, sondern um das, was heute was IN IHM passiert. Es geht ihm auch nicht primär darum, etwas über historische Ereignisse zu erfahren, sondern etwas über die geistige Wirklichkeit.

 

Wenn sich der Esoteriker von der historischen Interpretation löst, so erscheint das dem Exoteriker wie eine Reduzierung der Glaubensvorstellung auf das Symbolische. Ganz selbstverständlich und automatisch setzt der Exoteriker daher auch immer wieder das Wörtchen „nur“ vor die „Symbolik“. Es ist ja für ihn „nur Symbolik“ und nichts Wirkliches, was sich auch tatsächlich ereignet hat. Das symbolisch Interpretierte wird im Gegensatz zur historischen Interpretation als unwirklich und damit als weniger wertvoll empfunden. So erscheint die symbolische Interpretation aus exoterischer Sicht wie eine Abwertung der Glaubensvorstellungen. Während diese Abwertung wahrgenommen wird, ist für den Exoteriker nicht erkennbar, welchen Gewinn er vom esoterischen Textverständnis hat.

 

Für den Esoteriker wird hingegen das Festhalten an den rein historischen und wörtlichen Interpretationen als eine Reduzierung empfunden, weil dann ja das Geistige verschlossen bleibt, das in den Geschichten symbolisch verpackt ist. Diese Perspektive kann man natürlich erst haben, wenn man den Wert von dem bereits erkannt hat, was man durch die symbolische Sichtweise gewinnen kann.

 

Der unmittelbare Gewinn beim symbolischen Textverständnis ist zunächst die Symbolsprache selbst. Das ist so ähnlich, als ob man eine Fremdsprache lernt. Durch die Kenntnis einer Fremdsprache wird man zwar nicht allwissend, aber man kann sehr viel mehr Information nutzen. Man kann z.B. Bücher und Hinweisschilder lesen, die in dieser Sprache geschrieben sind und man kann Leute verstehen, die in diese Sprache zu uns sprechen. Und es gibt noch sehr viele andere  Möglichkeiten, die wiederum darauf aufbauen.

 

Die Symbolsprache eröffnet uns einerseits den Zugang zum „esoterischen Wissen“, das in vielen heiligen Schriften verpackt ist und andererseits auch zu dem „inneren Wissen“, das in uns begraben ist. Das ist ein wechselseitiger Prozess: Die Symbolssprache der heiligen Texte sensibilisiert uns für die Bildersprache unserer Seele und die Symbolik der inneren Bilder sensibilisiert uns für die symbolisch verpackte Wissen in den heiligen Texten.

 

Schritt für Schritt lernen wir damit einen höheren Seelenanteil von uns kennen und es entsteht der subjektive Eindruck, als würde dieser Seelenanteil erwachen – so also wäre er „tot“ gewesen und wäre jetzt wieder erweckt. Das ist der nächste Gewinn auf diesem Weg: die „innere Auferstehung“.

 

Bei den Themen Tod und Auferstehung geht es also beim esoterischen Textverständnis nicht um Ereignisse, die vor 2000 Jahren stattgefunden haben, sondern es hat etwas mit uns zu. Die „Auferstehung“ kann heute IN UNS stattfinden.

 

Die Symbolik von „Tod und Auferstehung“ begegnet uns übrigens nicht nur im Christentum, sondern in ganz vielen antiken Mythen (z.B. Osiris-Mythos). Selbst in unseren deutschen Volksmärchen finden wir dieses Motiv wieder. So erleben auch Schneewittchen und Dornröschen eine Auferstehung.

 

Mit diesen Hinweisen wird auch der Anfang des Thomas-Evangeliums verständlich:

 

Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.

 

Wer diese ganz spezielle „Sprache“ wiederentdeckt hat, in der dieses Evangelium geschrieben wurde, der hat diesen „Tod“ überwunden.

 

Der Begriff „Tod“ wird hier etwas anders interpretiert, als wir ihn umgangssprachlich verwenden. Es geht hier nicht um einen Tod des Körpers im medizinischen Sinn, sondern um den „Tod“ und um die „Auferstehung“ des höheren Seelenanteils, die in uns „begraben“ ist. 

 

Über diese Auferstehung bekommen wir Zugang zu einer geistigen Wirklichkeit. Das Reich Gottes wird für uns erlebbar.

 

Lk 17,20 Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

 

Auch beim Kommen von Reich Gottes handelt es sich also um einen „inneren Prozess“.

 

Man findet durchaus Bücher, wo Märchen, Mythen und biblische Texte symbolisch gedeutet werden. Häufig wird dabei jedoch die Symbolik psychologisch gedeutet und nicht esoterisch – auch dann, wenn die Bücher zum Teil unter dem Schlagwort „Esoterik“ vermarktet werden. Manchmal vermischen sich auch beide Deutungen. Die psychologische Deutung hat durchaus ihre Berechtigung und sie kann uns darüber hinaus auch für die Symbolik der Märchen sensibilisieren. Die esoterische Deutung geht jedoch noch eine Stufe weiter.

 

In Analogie zum dreifachen Schriftsinn gibt es:

 

1.      das wörtliche Textverständnis

2.      das psychologische Textverständnis

3.      das esoterische Textverständnis

 

Würde man beispielsweise das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ psychologisch interpretieren, so könnte man darin eine Selbstfindungs- oder Selbstbehauptungs-Phase sehen, wie sie jeder Mensch im Laufe seines Lebens mehrfach erlebt.

 

Wenn man diese Geschichte jedoch esoterisch interpretiert, so geht es hierbei um ein Gleichnis für die Seelen, die sich vom Göttlichen lösen, um in der materiellen Welt zu reifen.

 

Und so können wir durchaus auch in den Selbstfindungs- oder Selbstbehauptungs-Phasen unseres Lebens ein Gleichnis sehen für einen noch sehr viel weitreichenderen und langfristigeren Entwicklungs-Prozess.

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Die wichtigsten Symbole

 

Viele esoterische Symbole beziehen sich

-         auf den dreischichtigen Aufbau der Schöpfung (in geistige Welt, seelische Welt und materielle Welt)

-         auf den zyklischen Weg der Seele durch diese Schichten

-         auf den dreischichtigen Aufbau des Menschen (nach dem Ebenbild der Schöpfung)

-         auf das Analogie-Prinzip (Wie im Großen so im Kleinen)

-         auf die Tatsache, das die Welt der „Schatten“ (oder das Spiegelbild) eines geistigen „Urbildes“ ist.

-         auf den zweistufigen Abstieg (= zweifacher Tod) von der geistigen Welt in die Materie

-         auf die Überwindung dieses „Todes“ und den anschließenden Wiederaufstieg

-         auf die Gründe, warum sich der Mensch vom Göttlichen trennen muss bzw. getrennt hat

-         auf die Gründe, warum die geistige Welt für uns verborgen bzw. verhüllt ist

-         auf die Methoden, wie man die Trennung überwinden kann

-         auf das Prinzip von Aussaat und Ernte (wie der Geist an der Materie wächst)

-         auf die Vier-Elemente-Lehre (Feuer, Luft, Wasser, Erde)

 

Es geht dabei um Antworten auf die ganz elementaren Grundfragen des Lebens:

Woher komme ich? Wohin gehe ich? Warum bin ich hier?

 

Das esoterische Wissen ist „verhüllt“ und so gibt es viele Symbole, die auf diesen Sachverhalt hinweisen. Wir hatten bereits das Beispiel mit der „Decke“ von Moses. Auch ein „Gewand“, ein „Schleier“ oder von „Vorhang“ kann diese Bedeutung haben.

 

Entsprechend gibt es auch viele Symbole, wo es um die Entfernung der „Hülle“ geht. Die Schlange, die sich ja bekanntlich „häutet“, ist in der Esoterik im Gegensatz zum heutigen Volksglauben ein zumeist positiv besetztes Weisheits-Symbol, da sie „enthüllen“ kann. (Auch die Haut der Schlange ist eine Hülle). Bei der „Beschneidung“ entfernt man ein Stück von der „Hülle“ die den Penis umgibt und somit erscheint die zeugende Kraft „unverhüllt“. Wenn es in der Kreuzigungs-Szene heißt „Mt 27,51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“, so ist auch das eine „Enthüllung“.

 

Wenn uns in esoterischen Texten die Polarität von Mann und Frau begegnet, so kann das abhängig vom Kontext unterschiedliche Bedeutung haben. Da wäre zunächst die Geist-Materie-Polarität. Das geistige und zeugende Prinzip wird männlich symbolisiert, das materielle und nährende Prinzip weiblich. Umgangssprachlich begegnet uns der Zusammenhang von Mutter und Materie immer wieder, z.B. bei Mutterboden oder bei „Mutter Natur“. Das Wort Materie enthält sogar das Wort „Mater“ (lat. mater = Mutter). Wenn von Vater und Mutter die Rede ist oder von König und Königin, so können wir zumeist davon ausgehen, dass wir die Mann-Frau-Polarität in dieser Weise deuten können.

 

Zum Teil finden wir in der Symbolik auch eine Unterscheidung von Mutter und Stiefmutter/Nährmutter, da sowohl das Seelische als auch das Materielle weiblich symbolisiert wird und so gibt es neben dem Vater (=Geist) zwei Frauen (= Seele und Materie).

 

Bei den Smaragdtafeln des Hermes Trismegistos finden wir beispielsweise folgende Zeilen:

 

 Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond.  Der Wind hat es in seinem Bauch getragen. Seine Ernährerin ist die Erde.

 

Männlich und weiblich kann aber auch für Vernunftsseele und Empfindungsseele stehen, besonders dann, wenn von Bruder und Schwester die Rede ist. Und wenn im Märchen der Königssohn das schlafende Dornröschen erweckt, so steht der Königssohn für den Menschen, der sich seiner geistigen Herkunft bewusst ist und der sich mit seinen „höheren Seelenanteil“ verbindet. Diese Vereinigung mit dem höheren Seelenanteil ist ein ganz zentrales Thema in der esoterischen Symbolik und gerade hier kann ein Psychologe, der diese Vereinigung vermutlich rein sexuell interpretieren wird, zu einem ganz anderen Ergebnis kommen.

 

Geist und Materie stehen auf unterschiedliche Weise miteinander in Beziehung: Bei der Schöpfung werden geistige Ideen in der Materie realisiert. Das Göttliche offenbart sich in der Materie. Bei der Erkenntnis werden geistige Ideen in der Materie erkannt. Die Weisheit (Sophia), die wir in der materiellen Welt finden können, wird auch weiblich symbolisiert.

 

Bei Schöpfungsprozessen steht am Anfang eine geistige, abstrakte und immaterielle Idee bzw. ein zeitloses Prinzip. Diese Ebene der Schöpfung wird durch „Luft“ symbolisiert, da das Geistige ebenso wie die Luft nicht „greifbar“ ist. In Latein bedeutet Spiritus Atem, das griechische Pneuma heißt Luft und im Hebräischen gibt es für Atem und für Luft nur ein Wort: Ruach. Umgangssprachlich sagt man auch vom Geist, das er „weht“.

 

Wasser ist schon etwas „dichter“ als Luft. Der Weg in die materielle Welt führt durch die Ebene des „Wassers“. Die Ideen entwickeln sich, ebenso wie ein Same, der mit Wasser begossen wird. Weiterhin steht Wasser auch für die Zeit. In der Antike gab es Wasseruhren und so sagt man noch heute, dass die Zeit „verrinnt“.  Darüber hinaus wirkt Wasser auch wie ein Spiegel. Und dann ist Wasser auch noch ein Symbol für Emotionen.

 

In der materiellen Welt wird schließlich die Idee realisiert. Nun ist sie greifbar und erlebbar. Diese Ebene der Schöpfung wird durch „Erde“ symbolisiert. An der Erde zeigt sich, was die Ideen taugen und wo die Fehler liegen. So wird die Materie zum „Prüfer“ für unsere Ideen. Satan als personifizierter Herr der Materie ist der „Prüfer“ der Menschen. Er deckt unsere Schwächen auf.


 

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