Was ist
Esoterik?
Teil 1
von
Elias Erdmann
http://www.klarerblick.de/forum/viewforum.php?f=37
Die
„Esoterik“ ist keine neuzeitliche „Mode-Erscheinung“ – auch wenn es sicherlich
von vielen Menschen so empfunden wird. Ganz im Gegenteil. Der Begriff stammt aus
dem Bereich der antiken Einweihungskulte und Mysterienschulen und bezeichnete
das „geheime Wissen“, das nur einem „inneren Kreis“ von Eingeweihten zugänglich
war. Wörtlich bedeutet das griechischen Adjektiv
"esôterikós" soviel wie "zum inneren Kreis gehörig“ (griech. "esôteros" = Das
Innere).
So wie die Esoterik von „eso“
für „innerhalb“ abgeleitet ist, gibt es als Gegenstück die „Exoterik“, wobei die
Vorsilbe „exo“ „außerhalb“ bedeutet. Aus esoterischer Sicht wird die
vereinfachte und verhüllte Lehre, die nach Außen weiter gegeben werden kann, als
„exoterisch“ bezeichnet.
Esoterisches Wissen könne man
also in neudeutsch als „religiöses Insiderwissen“ bezeichnen, das gegenüber
Außenstehenden geheim gehalten wird.
Heutzutage wird der Begriff
„Esoterik“ manchmal auch in dem Sinne verwendet, dass es sich um einen „inneren
Weg“ handelt - dass man also die Wahrheit „in sich“ sucht. Das entspricht zwar
streng genommen nicht ganz der ursprünglichen Bedeutung, ist aber trotzdem auch
nicht falsch. Eigentlich bezieht sich „Innen und Außen“ auf die Zugehörigkeit zu
einer Gruppe von Eingeweihten bzw. um das geheime Wissen, das nur IN dieser
Gruppe bekannt war. Bei dieser anderen Deutung geht es um eine „innere
Wahrnehmung“ – um etwas Geistiges, das man nicht so ohne weiteres mit den
Sinnesorganen in der „äußeren Welt“ wahrnehmen kann. Innen und außen beziehen
sich also in beiden Fällen auf unterschiedliche Dinge.
Die Unterscheidung von innen uns
außen kann man aber auch auf das Textverständnis der heiligen Schriften
anwenden. In diesen Schriften werden häufig innere und
Innen und außen kann sich also
beziehen:
-
auf die Zugehörigkeit zu einer
„inneren Gruppe“
-
auf ein Wissen dieser „inneren
Gruppe“, das nach außen hin geheim gehalten wird
-
auf ein Wissen, das man in sich
findet
-
auf ein Textverständnis, das den
verborgenen Sinn offenlegt
Da die inneren Kreise ihr
„internes Wissen“ über den Weg zum „inneren Wissen“ in den heiligen Texten
verpackt haben, hängen natürlich diese unterschiedlichen Bedeutungen von „innen“
inhaltlich ganz eng zusammen.
Im Laufe der Jahrhunderte gab es
sehr viele religiöse Kulte und Gruppierungen, die ihre Lehren aus
unterschiedlichen Gründen gegenüber Außenstehenden geheim hielten oder geheim
halten mussten. So gibt es auch keine einheitliche Esoterik, sondern sehr viele
unterschiedliche Traditionen und Richtungen: ägyptische Mysterienschulen,
Essener, Pythagoräer, Druiden, Mithras-Kult, Gnostiker, Hermetiker, Astrologen,
Kabbalisten, Alchimisten, Templer, Rosenkreuzer, Freimaurer,
...
Und es gab auch einige
Gruppierungen, die ursprünglich esoterisches Wissen veröffentlichten oder die
zumindest behaupteten, dass das, was sie veröffentlichten, auf uralten
Geheimlehren basiert: z.B. Theosophen (esoterischer Buddhismus), Anthroposophen,
Neu-Rosenkreuzer, ... Natürlich ist ein veröffentlichtes Geheimwissen nach der
Veröffentlichung nicht mehr wirklich geheim. Trotzdem ist es sinnvoll, auch
hierfür den Begriff „Esoterik“ anzuwenden, da es sich ja um ursprünglich
esoterisches Wissen handelt bzw. handeln soll.
Im heutigen Sprachgebrauch
werden häufig auch viele andere Themen als Esoterik bezeichnet, obwohl sie
eigentlich nicht aus dem Bereich der religiösen Geheimlehren stammen: z.B.
Parapsychologie (Telepathie, Telekinese, Todesnäheerfahrungen, ...),
Neuoffenbarungen, Channeling, Jenseitskontakte, Reinkarnations-Therapie, ...
Trotzdem – auch wenn der Begriff „Esoterik“ hier streng genommen nicht anwendbar
ist – gibt es hier etliche
inhaltliche Berührungspunkte zu den esoterischen Lehren.
Für die Geheimhaltung des
esoterisches Wissens kann es ganz unterschiedliche Gründe geben. Durch die
Vielfalt der esoterischen Strömungen ist es aber nahezu unmöglich,
allgemeingültige Aussagen zu treffen, die in gleicher Weise für alle
esoterischen Traditionen gelten. So kann diese Auflistung von unterschiedlichen
und zum Teil sogar widersprüchlichen Gründen nur einen groben Überblick
geben.
Es gab Zeiten, wo es mit enormen
Gefahren verbunden war, wenn man seine religiösen Ansichten zu offen aussprach
und wo eine gewisse Geheimhaltung schon allein aus reinem Selbstschutz notwendig
war. Wenn es um Rezepturen für Drogen und Heilmittel geht, kann die
Geheimhaltung eine Maßnahme sein, um die Gefahren von Missbrauch und falscher
Dosierung etwas einzudämmen. Darüber hinaus kann Geheimhaltung auch den Zweck
haben, dass die Lehre unverfälscht weiter gegeben wird. Würde jeder
Halbeingeweihte das weiter geben, was er persönlich meint verstanden zu haben,
dann würde die Lehre innerhalb weniger Jahre etliche abweichende Ableger
erzeugen, die sich mit der Zeit immer mehr vom Original entfernen.
Zum Teil gibt es sicher auch den
Wunsch, die Lehre vor Spott und Verunglimpfung zu schützen, indem man sie nur
solchen Leute offenbart, die den Wert der Lehre erkennen können und auch zu
schätzen wissen.
Mt
7,6 Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr
nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und
sich umwenden und euch zerreißen.
Ein anderer Grund liegt darin,
dass es bei manchen Themen gar nicht so einfach ist, sie in einfachen Worten zu
erklären – zum Teil deshalb, weil in der Alltagssprache ein passendes Vokabular
fehlt. Jeder, der einen modernen technischen Beruf hat, beispielsweise
Datenbankadministrator oder Webdesigner, kennt sicher das Problem: Was soll man
erzählen, wenn die Eltern oder Großeltern einen fragen, was man denn beruflich
so macht? Die Eltern und Großeltern haben zumeist eine ganz andere
Erfahrungswelt. Mit all den technischen Begriffen aus der modernen Berufswelt
können sie daher nur sehr wenig anfangen. Würden man zu ihnen Klartext sprechen,
so wie man es mit einem Kollegen macht, so würden die Großeltern nur
Kauderwelsch verstehen. So bleibt einem nichts anderes übrig, als die
Zusammenhänge in die Begriffe ihrer Erfahrungswelt zu übersetzen. Man verwendet
also Gleichnisse und greift auf Bekanntes und Alltägliches zurück, um das
Unbekannte zu umschreiben, beispielsweise „Die Webseite des Internethändlers ist
so ähnlich wie ein Kaufhauskatalog“. Der „Kaufhauskatalog“ ist etwas, was die
Großeltern kennen. Und dieses Bekannte wird benutzt, um das Unbekannte zu
umschreiben.
Vor exakt dem gleichen Problemen
stehen auch die Esoteriker, wenn sie von
Im Prinzip gibt es jetzt zwei
Möglichkeiten:
1.) Man vermittelt zunächst die
notwendigen Grundlagen, damit der Klartext verstanden
wird.
2.) Man verwendet Gleichnisse, um
die Zusammenhänge in die Erfahrungswelt der Zuhörer zu übersetzen.
Das erste wäre der lange
„esoterische“ Weg über die Einweihung, das zweite der kurze „exoterische“ Weg
über Gleichnisse.
Die Unterscheidung in diese zwei
Gruppen finden wir auch in der Bibel:
Mt. 13,10: Und die Jünger
traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er
antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist's gegeben, die Geheimnisse des
Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist's nicht
gegeben.
Die Gleichnisse versteht man
scheinbar sofort, denn sie bauen nur auf den Grundlagen auf, die man durch die
normalen Alltagserfahrungen ohnehin schon kennt. Bei den Gleichnissen verwendet
man Dinge aus der materiellen Welt oder auch zwischenmenschliche Beziehungen, um
Übrigens: Wenn man den Klartext
ganz genau betrachtet, wird man feststellen, dass sehr viele Begriffe eigentlich
auch Metaphern sind, wo etwas Dingliches verwendet wird, um etwas Geistiges
gleichnishaft zu umschreiben. Nehmen wie als Beispiel das Wort „begreifen“. Wir
„greifen“ ja nicht wirklich mit der Hand, sondern wir „greifen“ im
Bei Gleichnissen gibt es noch
ein grundsätzliches Problem: Jeder Vergleich hinkt irgendwo. So kann man
beispielsweise den elektrischen Strom, der durch den Draht fließt, mit einer
Wasserleitung vergleichen. Der Wasserdruck entspricht der Spannung, die
Fließgeschwindigkeit der Stromstärke, das Ventil dem Schalter u.s.w. Aber man
kann nun nicht bedenkenlos in allen Situationen vom Gleichnis auf die
Wirklichkeit zurückschließen. Wenn man den Draht anbohrt, dann passiert es eben
im Gegensatz zur Wasserleitung nicht, dass der Strom aus dem Draht
ausläuft.
Spirituelle Vorstellungen, die
man von Gleichnissen ableitet, führen einen daher sehr häufig in die Irre. Das
ist das typische Problem der „Schriftgelehrten“, die aus vielen Einzelaussagen
wunderschöne und hochkomplexe Weltbilder aufbauen, die aber zumeist nur sehr
wenig mit der tatsächlichen Realität zu tun haben.
In der Esoterik werden die
Gleichnisse daher häufig auch auf eine andere Weise verwendet - nicht als vereinfachende Erklärungen,
die zum Wissen hinführen, sondern als Prüfungen und Wegmarken, die uns zeigen,
ob wir nun eine bestimmte Lektion verstanden haben. Es begegnen uns zum Teil
Gleichnisse, Umschreibungen und mythische Motive, die auf den ersten Blick so
unverständlich, paradox oder widersinnig sind, dass sie uns zunächst überhaupt
nicht weiterhelfen. Wenn man aber irgendwann aus der praktischen Lebenserfahrung
heraus die entsprechende Erkenntnis gewonnen hat, dann kann man erleben, wie
sich der verhüllte Sinn später ganz von selbst erschließt. Auf diese Weise
schließt man nicht von der Gleichnis auf die Wirklichkeit, sondern von der
Erkenntnis zurück auf das Gleichnis. Das Gleichnis wird zu einer „Wegmarke“, an
der man erkennen kann, dass man wieder ein Stück des Weges gepackt hat. So
begleiten diese Wegmarken den Weg des Esoterikers und sie geben darüber hinaus
auch Hinweise für die weitere Entwicklung.
Diese andere Verwendung der
Gleichnisse macht deutlich, warum manche Gleichnisse ganz gezielt verschlossen“
wurden – eben damit sie nur auf diese Weise zu verwenden
sind.
Mk 4,11 Und er sprach zu ihnen:
Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen aber draußen widerfährt
es alles in Gleichnissen, damit sie es mit sehenden Augen sehen und doch nicht
erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich
nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.
Im Matthäus-Evangelium (13,13)
klingt das noch etwas anders „Darum rede ich zu ihnen in
Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren
hören sie nicht; und sie verstehen es nicht.“
Das könnte man dahingehend
interpretieren, dass zu den Leuten in Gleichnissen gesprochen wird, weil sie es
anders nicht verstehen. Aber bei Markus steht etwas ganz anderes: Zu den Leuten
wird in Gleichnissen gesprochen, damit sie es NICHT verstehen!!! Das ist das genaue Gegenteil. Nach den
vorangegangenen Hinweisen dürfte klar sein, welchen Sinn diese scheinbare
Widersinnigkeit hat.
Das gilt natürlich nicht
generell für alle Gleichnisse. Manche Gleichnisse haben schon den Sinn, etwas zu
verbildlichen, damit es verstanden wird.
Ein anderer und aus meiner
Perspektive sogar der wichtigste Grund für die „Verschlüsselung“ des Wissens
liegt im Wesen der Offenbarung. Im
Philippus-Evangelium
finden wir folgende Zeilen:
Spruch 67: Die Wahrheit kam nicht nackt in die Welt,
sondern sie kam in Sinnbildern und Abbildern. Sie (sc. die Welt) wird sie (sc.
die Wahrheit) nicht anders empfangen (können).
Die
Wahrheit wird in Sinnbildern verpackt, weil wir sie anders nicht empfangen
können.
4.Mose
12,6: Ist jemand unter euch ein Prophet des HERRN, dem will ich mich kundmachen
in Gesichten oder will mit ihm reden in Träumen.
Jeder
weiß: Träume sprechen zumeist nicht in Klartext zu uns, sondern der Sinn ist
„symbolisch“ verhüllt. Träume
bedürfen einer Deutung. Die Sache mit der symbolischen Verschlüsselung haben
sich die Esoteriker also nicht willkürlich ausgedacht, sondern sie liegt im
Wesen der Offenbarung begründet.
Das
Göttliche offenbart sich nicht im Klartext, sondern im
Geheimnis.
Indem
wir lernen, esoterische Texte zu deuten, lernen wir gleichzeitig auch, die
Bilder und Motive zu deuten, die von der Tiefe unserer Seele ins Bewusstsein
drängen. Wir lernen dadurch Schritt für Schritt die symbolische Bildersprache,
über die sich das Göttliche IN UNS offenbart. Diese Symbolsprache könnten wir
nicht erlernen, wenn wir die „esoterische Wahrheit“ in einem einfach
verständlichen Klartext präsentiert bekämen.
Würden
wir nur das verborgene „esoterische Wissen“ auspacken, das irgendwelche
Esoteriker vor ewigen Zeiten in den Texten und Gleichnissen verpackt haben, so
könnten wir das ausgepackte Wissen dieser fremden Autoritäten entweder glauben
oder auch nicht. Wenn es uns aber mit Hilfe der Symbolsprache gelingt, einen
eigenen Zugang zum „inneren Wissen“ zu finden, dann brauchen wir keine fremden
Autoritäten mehr, die uns das Wissen vermitteln. Und dann ist es auch nicht mehr
eine Frage des Glaubens, sondern es basiert dann auf eigener
Erkenntnis.
Indem
wir den Zugang zu diesem „inneren Wissen“ finden, das in uns „begraben“ ist,
erleben wir so etwas wie eine „innere Auferstehung“.
Viele
modernen Menschen empfinden Christentum und Esoterik als unvereinbare
Gegensätze. Dabei ist das Christentum ursprünglich auch eine esoterische Lehre
gewesen und es gibt neben den bereits erwähnten Hinweisen noch unzählige andere
Hinweise auf einen „verborgenen Sinn“ der Bibel.
Die
beiden deutlichsten Hinweise finden wir bei Paulus:
2. Kor.3.12 Weil wir nun
solche Hoffnung haben, sind wir voll großer Zuversicht und tun nicht wie Mose,
der eine Decke vor sein Angesicht hängte, damit die Israeliten nicht sehen
konnten das Ende der Herrlichkeit, die aufhört. Aber ihre Sinne wurden
verstockt. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über
dem Alten Testament, wenn sie es lesen, weil sie nur in Christus abgetan wird.
Aber bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem
Herzen. Wenn Israel aber sich bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan.
Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Nun
aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie
in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit
zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.
Hier ist von einer Decke die
Rede, die über dem alten Testament liegt. Die Botschaft ist also „verhüllt“. Das
gilt jedoch nicht nur für die Juden von damals, sondern auch für viele modernen
„Christen“, die noch nie etwas von den Dingen gehört haben, die hinter der Decke
verborgen sind. Es ist schon ein gewisser Unterschied, ob man hinter die Decke
ins Verborgene blicken kann – oder ob man noch nicht einmal weiß, dass es diese
Decke überhaupt gibt.
So wie Paulus hier das
damalige Christentum vom damaligen Judentum unterscheidet, entspricht das genau
dem Unterschied von Esoterik und Exoterik. Während die damaligen Christen das
verborgene Wissen hinter der Decke erkennen konnten, waren die damaligen Juden
dazu nicht in der Lage, weil sie die Bibel sehr buchstabengetreu
auslegten.
Heutzutage erleben wir
übrigens eine fast gegensätzliche Situation: Während die esoterische Tradition
der Kabbala fest im Judentum verankert ist, hat sich das heutige Christentum
fast vollständig von seinen esoterischen Wurzeln gelöst.
Nun zum anderen
Paulus-Zitat:
Gal 4,21 Sagt mir, die ihr
unter dem Gesetz sein wollt: Hört ihr das Gesetz nicht? Denn es steht
geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den andern
von der Freien. Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der
von der Freien aber kraft der Verheißung. Diese Worte haben tiefere Bedeutung.
Denn die beiden Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse: einen vom Berg Sinai, der
zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in
Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern
in der Knechtschaft lebt. Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie;
das ist unsre Mutter.
Im Vers 24 (Diese Worte
haben tiefere Bedeutung.) könnte man wörtlich aus dem Griechischen übersetzen
mit „Das alles ist allegorisch geredet“.
Und
wir können mit Sicherheit annehmen, dass nicht nur diese eine Stelle allegorisch
zu interpretieren ist, sondern dass Paulus uns hier einen sehr grundsätzlichen
Hinweis zum Bibelverständnis gibt.
Darüber hinaus gibt es noch viele andere Hinweise auf ein
geheimes oder verschlossenes Wissen:
Lk 11,52: Weh
euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen.
Ihr selbst seid nicht hineingegangen und habt auch denen gewehrt, die hinein
wollten.
Und
das Thomas-Evangelium
beginnt mit den Worten:
Dies sind die geheimen
Worte, die der lebendige Jesus sagte; Didymos Judas Thomas hat sie
aufgeschrieben. Und er sagte: Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den
Tod nicht schmecken.
Auch
Origenes,
ein Theologe aus dem 3. Jahrhundert, gibt in seinem Buch „Über die Prinzipien“
ganz deutliche Hinweise, dass es einen verborgenen Schriftsinn
gibt:
Dreifach also muß man sich die "Sinne" der heiligen
Schriften in die Seele schreiben: Der Einfältige soll von dem "Fleische" der
Schrift erbaut werden - so nennen wir die auf der Hand liegende Auffassung -,
der ein Stück weit Fortgeschrittene von ihrer "Seele", und der Vollkommene [...]
erbaut sich aus "dem
Zitiert nach: Vier Bücher von den
Prinzipien (De principiis / Peri archon tomoi)
Herausgegeben, übersetzt,
mit kritischen und erläuternden Anmerkungen versehen von
Herwig Görgemanns und
Heinrich Karpp
Dritte Auflage,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft - Darmstadt
Wie der
„Es war ja das erste Ziel,
den Zusammenhang des Pneumatischen durch geschehene und durch noch auszuführende
Handlungen auszusagen. Wo nun der Logos geschichtliche Ereignisse fand, die sich
auf diese Geheimnisse beziehen ließen, da benutzte er sie, wobei er den tieferen
Sinn vor der Menge verbarg; wo (diesem) aber bei der Darlegung des Zusammenhangs
der
Dieser kurze Text enthält
einige ganz deutliche und wichtige Aussagen:
1.) Es war NICHT das
primäre Ziele, einen exakten historischen Bericht zu liefen.
2.) Das
scheinbar Historische wird verwendet, um eigentlich etwas Geistiges zu
versinnbildlichen.
3.) Viele in der Bibel dargestellten Ereignisse haben
nicht wirklich stattgefunden.
4.) Manches ist sogar unmöglich.
5.) Es gibt
in der Bibel einen geheimen Sinn, der vor der Menge verborgen ist.
Heute ist es modern, die
biblischen Texte zu „entmythologisieren“. Das Unhistorische und Irreale wird so
weit wie möglich eliminiert, um den angeblich „wahren“ historischen Kern der
biblischen Geschichten freizulegen. Es wird so getan, als ob ursprünglich reale
Schilderungen mit der Zeit immer mehr ausgeschmückt wurden und dass man nun
eigentlich nur diese Ausschmückungen entfernen müsse, um wieder zur historischen
Wahrheit zu gelangen.
Diese modernen Forscher
suchen die Wahrheit im Historischen – nicht mehr im Geistigen. Doch indem sie
alles das strichen, was unhistorisch ist, verstümmeln sie das Geistige, das
eigentlich durch diese Texte ausgedrückt werden soll.
Bei Origenes finden wir
übrigens auch andere Aussagen, die heute eher der Esoterik zugeordnet werden. Er
glaubte an die Wiedergeburt und er beschreibt die Rückkehr zu Gott als ein
Geschehen, dass sehr lange Zeiträume benötigt – das also keinesfalls innerhalb
eines doch verhältnismäßig kurzen Lebens stattfindet.
"Wir müssen so annehmen,
dass er [Jakob] aufgrund von Verdiensten eines früheren Lebens ... dem Bruder
vorgezogen wurde." (II, 9,7)
„Diese Rückkehr zu Gott muss man sich
aber nicht als ein plötzliches Geschehen vorstellen, sondern als ein
allmähliches, stufenweise im Laufe von unzähligen und unendlich langen
Zeiträumen sich vollziehendes." (III, 6,6).
So kann ich die heute
übliche Unterscheidung zwischen Christentum und Esoterikern eigentlich nur auf
eine einzige Art kommentieren:
Ein Christ, der die
Esoterik prinzipiell ablehnt, der ist eigentlich gar kein Christ, denn das
Christentum basiert auf einer esoterischen Lehre und enthält an sehr vielen
Stellen Hinweise auf einen verborgenen „esoterischen“ Sinn in der
Bibel.
Ein Esoteriker, der das
Christentum wegen der üblichen historischen Fehler und Widersprüche ablehnt, der
ist kein Esoteriker, denn er hat offensichtlich noch nicht begriffen, dass die
übliche Bibelkritik auf einem extrem exoterischen Bibelverständnis
beruht.
Trotzdem ist natürlich
manche Kritik an dem berechtigt, was die Kirche im Laufe der Zeit aus dem
Christentum gemacht hat und auch an manchen wirren Weltbildern und Heilslehren,
die heutzutage unter dem Schlagwort „Esoterik“ vermarktet werden. Auswüchse gibt
es auf beiden Seiten und ich betrachte den religiösen Kitsch in einem
christlichen Devotionalienhandel durchaus mit den gleichen Augen wie die
vielfältigen Amulette und Glücksbringer im Esoterik-Lädchen. Und das gilt auch
für die unterschiedlichen Formen von Aberglauben, egal ob es sich nun um
weinende Madonnen handelt oder um irgendwelche Gurus, die Gegenstände in ihrem
Mund „materialisieren“.