Was ist Esoterik?


Teil 1


von Elias Erdmann

http://www.klarerblick.de/forum/viewforum.php?f=37

 

 

 

Die „Esoterik“ ist keine neuzeitliche „Mode-Erscheinung“ – auch wenn es sicherlich von vielen Menschen so empfunden wird. Ganz im Gegenteil. Der Begriff stammt aus dem Bereich der antiken Einweihungskulte und Mysterienschulen und bezeichnete das „geheime Wissen“, das nur einem „inneren Kreis“ von Eingeweihten zugänglich war. Wörtlich bedeutet das griechischen Adjektiv "esôterikós" soviel wie "zum inneren Kreis gehörig“ (griech. "esôteros" = Das Innere).

 

So wie die Esoterik von „eso“ für „innerhalb“ abgeleitet ist, gibt es als Gegenstück die „Exoterik“, wobei die Vorsilbe „exo“ „außerhalb“ bedeutet. Aus esoterischer Sicht wird die vereinfachte und verhüllte Lehre, die nach Außen weiter gegeben werden kann, als „exoterisch“ bezeichnet.

 

Esoterisches Wissen könne man also in neudeutsch als „religiöses Insiderwissen“ bezeichnen, das gegenüber Außenstehenden geheim gehalten wird.

 

Heutzutage wird der Begriff „Esoterik“ manchmal auch in dem Sinne verwendet, dass es sich um einen „inneren Weg“ handelt - dass man also die Wahrheit „in sich“ sucht. Das entspricht zwar streng genommen nicht ganz der ursprünglichen Bedeutung, ist aber trotzdem auch nicht falsch. Eigentlich bezieht sich „Innen und Außen“ auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Eingeweihten bzw. um das geheime Wissen, das nur IN dieser Gruppe bekannt war. Bei dieser anderen Deutung geht es um eine „innere Wahrnehmung“ – um etwas Geistiges, das man nicht so ohne weiteres mit den Sinnesorganen in der „äußeren Welt“ wahrnehmen kann. Innen und außen beziehen sich also in beiden Fällen auf unterschiedliche Dinge.

 

Die Unterscheidung von innen uns außen kann man aber auch auf das Textverständnis der heiligen Schriften anwenden. In diesen Schriften werden häufig innere und geistige Zusammenhänge gleichnishaft so dargestellt, als ob es sich um äußere und materielle Ereignisse handelt. Der geistige Zusammenhang wird dabei oftmals in eine scheinbar historische Geschichte „gekleidet“. Einerseits wird er damit „verhüllt“, andererseits wird er damit aber auch in die Begriffe unserer Erfahrungswelt übertragen. Während der Esoteriker das verborgene Wissen erkennt, das IN den Gleichnissen verborgen ist, sieht der Exoteriker nur die äußere Verpackung.

 

Innen und außen kann sich also beziehen:

-         auf die Zugehörigkeit zu einer „inneren Gruppe“

-         auf ein Wissen dieser „inneren Gruppe“, das nach außen hin geheim gehalten wird

-         auf ein Wissen, das man in sich findet

-         auf ein Textverständnis, das den verborgenen Sinn offenlegt

 

Da die inneren Kreise ihr „internes Wissen“ über den Weg zum „inneren Wissen“ in den heiligen Texten verpackt haben, hängen natürlich diese unterschiedlichen Bedeutungen von „innen“ inhaltlich ganz eng zusammen.

 

Im Laufe der Jahrhunderte gab es sehr viele religiöse Kulte und Gruppierungen, die ihre Lehren aus unterschiedlichen Gründen gegenüber Außenstehenden geheim hielten oder geheim halten mussten. So gibt es auch keine einheitliche Esoterik, sondern sehr viele unterschiedliche Traditionen und Richtungen: ägyptische Mysterienschulen, Essener, Pythagoräer, Druiden, Mithras-Kult, Gnostiker, Hermetiker, Astrologen, Kabbalisten, Alchimisten, Templer, Rosenkreuzer, Freimaurer, ...

 

Und es gab auch einige Gruppierungen, die ursprünglich esoterisches Wissen veröffentlichten oder die zumindest behaupteten, dass das, was sie veröffentlichten, auf uralten Geheimlehren basiert: z.B. Theosophen (esoterischer Buddhismus), Anthroposophen, Neu-Rosenkreuzer, ... Natürlich ist ein veröffentlichtes Geheimwissen nach der Veröffentlichung nicht mehr wirklich geheim. Trotzdem ist es sinnvoll, auch hierfür den Begriff „Esoterik“ anzuwenden, da es sich ja um ursprünglich esoterisches Wissen handelt bzw. handeln soll.

 

Im heutigen Sprachgebrauch werden häufig auch viele andere Themen als Esoterik bezeichnet, obwohl sie eigentlich nicht aus dem Bereich der religiösen Geheimlehren stammen: z.B. Parapsychologie (Telepathie, Telekinese, Todesnäheerfahrungen, ...), Neuoffenbarungen, Channeling, Jenseitskontakte, Reinkarnations-Therapie, ... Trotzdem – auch wenn der Begriff „Esoterik“ hier streng genommen nicht anwendbar ist –  gibt es hier etliche inhaltliche Berührungspunkte zu den esoterischen Lehren.

 

Unterschiedliche Gründe für die Geheimhaltung

 

Für die Geheimhaltung des esoterisches Wissens kann es ganz unterschiedliche Gründe geben. Durch die Vielfalt der esoterischen Strömungen ist es aber nahezu unmöglich, allgemeingültige Aussagen zu treffen, die in gleicher Weise für alle esoterischen Traditionen gelten. So kann diese Auflistung von unterschiedlichen und zum Teil sogar widersprüchlichen Gründen nur einen groben Überblick geben.

 

Es gab Zeiten, wo es mit enormen Gefahren verbunden war, wenn man seine religiösen Ansichten zu offen aussprach und wo eine gewisse Geheimhaltung schon allein aus reinem Selbstschutz notwendig war. Wenn es um Rezepturen für Drogen und Heilmittel geht, kann die Geheimhaltung eine Maßnahme sein, um die Gefahren von Missbrauch und falscher Dosierung etwas einzudämmen. Darüber hinaus kann Geheimhaltung auch den Zweck haben, dass die Lehre unverfälscht weiter gegeben wird. Würde jeder Halbeingeweihte das weiter geben, was er persönlich meint verstanden zu haben, dann würde die Lehre innerhalb weniger Jahre etliche abweichende Ableger erzeugen, die sich mit der Zeit immer mehr vom Original entfernen. 

 

Zum Teil gibt es sicher auch den Wunsch, die Lehre vor Spott und Verunglimpfung zu schützen, indem man sie nur solchen Leute offenbart, die den Wert der Lehre erkennen können und auch zu schätzen wissen.

 

Mt 7,6 Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.

 

Ein anderer Grund liegt darin, dass es bei manchen Themen gar nicht so einfach ist, sie in einfachen Worten zu erklären – zum Teil deshalb, weil in der Alltagssprache ein passendes Vokabular fehlt. Jeder, der einen modernen technischen Beruf hat, beispielsweise Datenbankadministrator oder Webdesigner, kennt sicher das Problem: Was soll man erzählen, wenn die Eltern oder Großeltern einen fragen, was man denn beruflich so macht? Die Eltern und Großeltern haben zumeist eine ganz andere Erfahrungswelt. Mit all den technischen Begriffen aus der modernen Berufswelt können sie daher nur sehr wenig anfangen. Würden man zu ihnen Klartext sprechen, so wie man es mit einem Kollegen macht, so würden die Großeltern nur Kauderwelsch verstehen. So bleibt einem nichts anderes übrig, als die Zusammenhänge in die Begriffe ihrer Erfahrungswelt zu übersetzen. Man verwendet also Gleichnisse und greift auf Bekanntes und Alltägliches zurück, um das Unbekannte zu umschreiben, beispielsweise „Die Webseite des Internethändlers ist so ähnlich wie ein Kaufhauskatalog“. Der „Kaufhauskatalog“ ist etwas, was die Großeltern kennen. Und dieses Bekannte wird benutzt, um das Unbekannte zu umschreiben.

 

Vor exakt dem gleichen Problemen stehen auch die Esoteriker, wenn sie von geistigen Zusammenhängen sprechen wollen. Würden sie Klartext sprechen, dann würden die Zuhörer zumeist nur Kauderwelsch verstehen, weil die notwendigen Grundlagen fehlen. Der Klartext würde auf unfruchtbaren Boden fallen.

 

Im Prinzip gibt es jetzt zwei Möglichkeiten:

 

1.)    Man vermittelt zunächst die notwendigen Grundlagen, damit der Klartext verstanden wird.

2.)    Man verwendet Gleichnisse, um die Zusammenhänge in die Erfahrungswelt der Zuhörer zu übersetzen.

 

Das erste wäre der lange „esoterische“ Weg über die Einweihung, das zweite der kurze „exoterische“ Weg über Gleichnisse.

 

Die Unterscheidung in diese zwei Gruppen finden wir auch in der Bibel:

 

Mt. 13,10: Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist's gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist's nicht gegeben.

 

Die Gleichnisse versteht man scheinbar sofort, denn sie bauen nur auf den Grundlagen auf, die man durch die normalen Alltagserfahrungen ohnehin schon kennt. Bei den Gleichnissen verwendet man Dinge aus der materiellen Welt oder auch zwischenmenschliche Beziehungen, um geistige Zusammenhänge gleichnishaft zu umschreiben. Aber die Zuhörer erkennen leider die Gleichnisse häufig nicht als solche, sondern glauben, es ginge einem tatsächlich nur um diese materiellen Dinge oder um die zwischenmenschlichen Beziehungen. So wird beispielsweise häufig die Beziehung von Mann und Frau verwendet, um gleichnishaft den Zusammenhang von Geist und Materie zu umschreiben. Aber das wird dann zum Teil so missverstanden, als ob es tatsächlich nur um Regeln für das Eheleben ginge.

 

Übrigens: Wenn man den Klartext ganz genau betrachtet, wird man feststellen, dass sehr viele Begriffe eigentlich auch Metaphern sind, wo etwas Dingliches verwendet wird, um etwas Geistiges gleichnishaft zu umschreiben. Nehmen wie als Beispiel das Wort „begreifen“. Wir „greifen“ ja nicht wirklich mit der Hand, sondern wir „greifen“ im geistigen Sinne nach etwas, wenn wir es „begreifen“. Kinder greifen noch wirklich mit der Hand nach den Dingen, um sie zu begreifen. Wir „greifen“ im übertragenen Sinne. Das „Greifen“ mit der Hand ist ein verdinglichtes Gleichnis für das was wir wirklich machen, wenn wir etwas im übertragenen Sinne „begreifen“. Für uns ist es so selbstverständlich diesen Begriff im übertragenen Sinne zu verwenden, dass wir ihn gar nicht mehr als gleichnishafte Umschreibung empfinden. Die gleichnishafte Metapher wird durch den selbstverständlichen Gebrauch als Klartext empfunden. Die Unterscheidung von Gleichnis und Klartext liegt also zum Teil im Auge des Betrachters. Was der Insider für selbstverständlich und für Klartext hält, dass kann dem Außenseiter als ein Gleichnis erscheinen, das der Deutung bedarf.

 

Bei Gleichnissen gibt es noch ein grundsätzliches Problem: Jeder Vergleich hinkt irgendwo. So kann man beispielsweise den elektrischen Strom, der durch den Draht fließt, mit einer Wasserleitung vergleichen. Der Wasserdruck entspricht der Spannung, die Fließgeschwindigkeit der Stromstärke, das Ventil dem Schalter u.s.w. Aber man kann nun nicht bedenkenlos in allen Situationen vom Gleichnis auf die Wirklichkeit zurückschließen. Wenn man den Draht anbohrt, dann passiert es eben im Gegensatz zur Wasserleitung nicht, dass der Strom aus dem Draht ausläuft.

 

Spirituelle Vorstellungen, die man von Gleichnissen ableitet, führen einen daher sehr häufig in die Irre. Das ist das typische Problem der „Schriftgelehrten“, die aus vielen Einzelaussagen wunderschöne und hochkomplexe Weltbilder aufbauen, die aber zumeist nur sehr wenig mit der tatsächlichen Realität zu tun haben.

 

In der Esoterik werden die Gleichnisse daher häufig auch auf eine andere Weise verwendet  - nicht als vereinfachende Erklärungen, die zum Wissen hinführen, sondern als Prüfungen und Wegmarken, die uns zeigen, ob wir nun eine bestimmte Lektion verstanden haben. Es begegnen uns zum Teil Gleichnisse, Umschreibungen und mythische Motive, die auf den ersten Blick so unverständlich, paradox oder widersinnig sind, dass sie uns zunächst überhaupt nicht weiterhelfen. Wenn man aber irgendwann aus der praktischen Lebenserfahrung heraus die entsprechende Erkenntnis gewonnen hat, dann kann man erleben, wie sich der verhüllte Sinn später ganz von selbst erschließt. Auf diese Weise schließt man nicht von der Gleichnis auf die Wirklichkeit, sondern von der Erkenntnis zurück auf das Gleichnis. Das Gleichnis wird zu einer „Wegmarke“, an der man erkennen kann, dass man wieder ein Stück des Weges gepackt hat. So begleiten diese Wegmarken den Weg des Esoterikers und sie geben darüber hinaus auch Hinweise für die weitere Entwicklung.

 

Diese andere Verwendung der Gleichnisse macht deutlich, warum manche Gleichnisse ganz gezielt verschlossen“ wurden – eben damit sie nur auf diese Weise zu verwenden sind.

 

Mk 4,11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen aber draußen widerfährt es alles in Gleichnissen, damit sie es mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.

 

Im Matthäus-Evangelium (13,13) klingt das noch etwas anders „Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht.“  

 

Das könnte man dahingehend interpretieren, dass zu den Leuten in Gleichnissen gesprochen wird, weil sie es anders nicht verstehen. Aber bei Markus steht etwas ganz anderes: Zu den Leuten wird in Gleichnissen gesprochen, damit sie es NICHT verstehen!!!  Das ist das genaue Gegenteil. Nach den vorangegangenen Hinweisen dürfte klar sein, welchen Sinn diese scheinbare Widersinnigkeit hat.

 

Das gilt natürlich nicht generell für alle Gleichnisse. Manche Gleichnisse haben schon den Sinn, etwas zu verbildlichen, damit es verstanden wird.

Ein anderer und aus meiner Perspektive sogar der wichtigste Grund für die „Verschlüsselung“ des Wissens liegt im Wesen der Offenbarung.  Im Philippus-Evangelium finden wir folgende Zeilen:

 

Spruch 67: Die Wahrheit kam nicht nackt in die Welt, sondern sie kam in Sinnbildern und Abbildern. Sie (sc. die Welt) wird sie (sc. die Wahrheit) nicht anders empfangen (können).

 

Die Wahrheit wird in Sinnbildern verpackt, weil wir sie anders nicht empfangen können.

 

4.Mose 12,6: Ist jemand unter euch ein Prophet des HERRN, dem will ich mich kundmachen in Gesichten oder will mit ihm reden in Träumen.

 

Jeder weiß: Träume sprechen zumeist nicht in Klartext zu uns, sondern der Sinn ist „symbolisch“ verhüllt.  Träume bedürfen einer Deutung. Die Sache mit der symbolischen Verschlüsselung haben sich die Esoteriker also nicht willkürlich ausgedacht, sondern sie liegt im Wesen der Offenbarung begründet.

 

Das Göttliche offenbart sich nicht im Klartext, sondern im Geheimnis.

 

Indem wir lernen, esoterische Texte zu deuten, lernen wir gleichzeitig auch, die Bilder und Motive zu deuten, die von der Tiefe unserer Seele ins Bewusstsein drängen. Wir lernen dadurch Schritt für Schritt die symbolische Bildersprache, über die sich das Göttliche IN UNS offenbart. Diese Symbolsprache könnten wir nicht erlernen, wenn wir die „esoterische Wahrheit“ in einem einfach verständlichen Klartext präsentiert bekämen.

 

Würden wir nur das verborgene „esoterische Wissen“ auspacken, das irgendwelche Esoteriker vor ewigen Zeiten in den Texten und Gleichnissen verpackt haben, so könnten wir das ausgepackte Wissen dieser fremden Autoritäten entweder glauben oder auch nicht. Wenn es uns aber mit Hilfe der Symbolsprache gelingt, einen eigenen Zugang zum „inneren Wissen“ zu finden, dann brauchen wir keine fremden Autoritäten mehr, die uns das Wissen vermitteln. Und dann ist es auch nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern es basiert dann auf eigener Erkenntnis.

 

Indem wir den Zugang zu diesem „inneren Wissen“ finden, das in uns „begraben“ ist, erleben wir so etwas wie eine „innere Auferstehung“.

 

Christentum und Esoterik

 

Viele modernen Menschen empfinden Christentum und Esoterik als unvereinbare Gegensätze. Dabei ist das Christentum ursprünglich auch eine esoterische Lehre gewesen und es gibt neben den bereits erwähnten Hinweisen noch unzählige andere Hinweise auf einen „verborgenen Sinn“ der Bibel.

 

Die beiden deutlichsten Hinweise finden wir bei Paulus:

 

2. Kor.3.12 Weil wir nun solche Hoffnung haben, sind wir voll großer Zuversicht und tun nicht wie Mose, der eine Decke vor sein Angesicht hängte, damit die Israeliten nicht sehen konnten das Ende der Herrlichkeit, die aufhört. Aber ihre Sinne wurden verstockt. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über dem Alten Testament, wenn sie es lesen, weil sie nur in Christus abgetan wird. Aber bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem Herzen. Wenn Israel aber sich bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan. Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.

 

Hier ist von einer Decke die Rede, die über dem alten Testament liegt. Die Botschaft ist also „verhüllt“. Das gilt jedoch nicht nur für die Juden von damals, sondern auch für viele modernen „Christen“, die noch nie etwas von den Dingen gehört haben, die hinter der Decke verborgen sind. Es ist schon ein gewisser Unterschied, ob man hinter die Decke ins Verborgene blicken kann – oder ob man noch nicht einmal weiß, dass es diese Decke überhaupt gibt. 

 

So wie Paulus hier das damalige Christentum vom damaligen Judentum unterscheidet, entspricht das genau dem Unterschied von Esoterik und Exoterik. Während die damaligen Christen das verborgene Wissen hinter der Decke erkennen konnten, waren die damaligen Juden dazu nicht in der Lage, weil sie die Bibel sehr buchstabengetreu auslegten.

 

Heutzutage erleben wir übrigens eine fast gegensätzliche Situation: Während die esoterische Tradition der Kabbala fest im Judentum verankert ist, hat sich das heutige Christentum fast vollständig von seinen esoterischen Wurzeln gelöst.

 

Nun zum anderen Paulus-Zitat:

 

Gal 4,21 Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt: Hört ihr das Gesetz nicht? Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den andern von der Freien. Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der von der Freien aber kraft der Verheißung. Diese Worte haben tiefere Bedeutung. Denn die beiden Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse: einen vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt. Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; das ist unsre Mutter.

 

Im Vers 24 (Diese Worte haben tiefere Bedeutung.) könnte man wörtlich aus dem Griechischen übersetzen mit „Das alles ist allegorisch geredet“.

 

Und wir können mit Sicherheit annehmen, dass nicht nur diese eine Stelle allegorisch zu interpretieren ist, sondern dass Paulus uns hier einen sehr grundsätzlichen Hinweis zum Bibelverständnis gibt.

 

Darüber hinaus gibt es noch viele andere Hinweise auf ein geheimes oder verschlossenes Wissen:

 

Lk 11,52: Weh euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und habt auch denen gewehrt, die hinein wollten.

Und das Thomas-Evangelium beginnt mit den Worten:

 

Dies sind die geheimen Worte, die der lebendige Jesus sagte; Didymos Judas Thomas hat sie aufgeschrieben. Und er sagte: Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.

 

Auch Origenes, ein Theologe aus dem 3. Jahrhundert, gibt in seinem Buch „Über die Prinzipien“ ganz deutliche Hinweise, dass es einen verborgenen Schriftsinn gibt:

 

Dreifach also muß man sich die "Sinne" der heiligen Schriften in die Seele schreiben: Der Einfältige soll von dem "Fleische" der Schrift erbaut werden - so nennen wir die auf der Hand liegende Auffassung -, der ein Stück weit Fortgeschrittene von ihrer "Seele", und der Vollkommene [...] erbaut sich aus "dem geistlichen Gesetz", "das den Schatten der zukünftigen Güter enthält" (vgl. Röm. 7, 14 und Hebr. 10, 1). Wie nämlich der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, ebenso auch die Schrift, die Gott nach seinem Plan zur Rettung der Menschen gegeben hat. (IV, 2,4)

 

Zitiert nach: Vier Bücher von den Prinzipien (De principiis / Peri archon tomoi)

Herausgegeben, übersetzt, mit kritischen und erläuternden Anmerkungen versehen von

Herwig Görgemanns und Heinrich Karpp

Dritte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft - Darmstadt

 

Wie der geistige Sinn (= das Pneumatische) in den biblischen Geschichten verpackt ist, erklärt uns Origenes in folgendem Zitat:

 

„Es war ja das erste Ziel, den Zusammenhang des Pneumatischen durch geschehene und durch noch auszuführende Handlungen auszusagen. Wo nun der Logos geschichtliche Ereignisse fand, die sich auf diese Geheimnisse beziehen ließen, da benutzte er sie, wobei er den tieferen Sinn vor der Menge verbarg; wo (diesem) aber bei der Darlegung des Zusammenhangs der geistigen Dinge der bisher niedergeschriebene Ablauf bestimmter Vorgänge nicht entsprach, weil es sich um zu tiefe Geheimnisse handelte, da webte die Schrift in die Geschichtsdarstellung Unwirkliches mit hinein, was teils gar nicht geschehen kann, teils zwar geschehen könnte, aber nicht geschehen ist. Manchmal sind nur wenige Ausdrücke eingefügt, die "leiblich" nicht wahr sind, manchmal aber auch mehr.“ (IV, 2,9)

 

Dieser kurze Text enthält einige ganz deutliche und wichtige Aussagen:


1.) Es war NICHT das primäre Ziele, einen exakten historischen Bericht zu liefen.
2.) Das scheinbar Historische wird verwendet, um eigentlich etwas Geistiges zu versinnbildlichen.
3.) Viele in der Bibel dargestellten Ereignisse haben nicht wirklich stattgefunden.
4.) Manches ist sogar unmöglich.
5.) Es gibt in der Bibel einen geheimen Sinn, der vor der Menge verborgen ist.

 

Heute ist es modern, die biblischen Texte zu „entmythologisieren“. Das Unhistorische und Irreale wird so weit wie möglich eliminiert, um den angeblich „wahren“ historischen Kern der biblischen Geschichten freizulegen. Es wird so getan, als ob ursprünglich reale Schilderungen mit der Zeit immer mehr ausgeschmückt wurden und dass man nun eigentlich nur diese Ausschmückungen entfernen müsse, um wieder zur historischen Wahrheit zu gelangen.

 

Diese modernen Forscher suchen die Wahrheit im Historischen – nicht mehr im Geistigen. Doch indem sie alles das strichen, was unhistorisch ist, verstümmeln sie das Geistige, das eigentlich durch diese Texte ausgedrückt werden soll.

 

Bei Origenes finden wir übrigens auch andere Aussagen, die heute eher der Esoterik zugeordnet werden. Er glaubte an die Wiedergeburt und er beschreibt die Rückkehr zu Gott als ein Geschehen, dass sehr lange Zeiträume benötigt – das also keinesfalls innerhalb eines doch verhältnismäßig kurzen Lebens stattfindet.

 

"Wir müssen so annehmen, dass er [Jakob] aufgrund von Verdiensten eines früheren Lebens ... dem Bruder vorgezogen wurde." (II, 9,7)

 

 „Diese Rückkehr zu Gott muss man sich aber nicht als ein plötzliches Geschehen vorstellen, sondern als ein allmähliches, stufenweise im Laufe von unzähligen und unendlich langen Zeiträumen sich vollziehendes." (III, 6,6).

 

So kann ich die heute übliche Unterscheidung zwischen Christentum und Esoterikern eigentlich nur auf eine einzige Art kommentieren:

 

Ein Christ, der die Esoterik prinzipiell ablehnt, der ist eigentlich gar kein Christ, denn das Christentum basiert auf einer esoterischen Lehre und enthält an sehr vielen Stellen Hinweise auf einen verborgenen „esoterischen“ Sinn in der Bibel.

 

Ein Esoteriker, der das Christentum wegen der üblichen historischen Fehler und Widersprüche ablehnt, der ist kein Esoteriker, denn er hat offensichtlich noch nicht begriffen, dass die übliche Bibelkritik auf einem extrem exoterischen Bibelverständnis beruht.

 

Trotzdem ist natürlich manche Kritik an dem berechtigt, was die Kirche im Laufe der Zeit aus dem Christentum gemacht hat und auch an manchen wirren Weltbildern und Heilslehren, die heutzutage unter dem Schlagwort „Esoterik“ vermarktet werden. Auswüchse gibt es auf beiden Seiten und ich betrachte den religiösen Kitsch in einem christlichen Devotionalienhandel durchaus mit den gleichen Augen wie die vielfältigen Amulette und Glücksbringer im Esoterik-Lädchen. Und das gilt auch für die unterschiedlichen Formen von Aberglauben, egal ob es sich nun um weinende Madonnen handelt oder um irgendwelche Gurus, die Gegenstände in ihrem Mund „materialisieren“. 


 

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