Malidoma Patrice Somé
Die Dagara-Kosmologie


Verkörperung der fünf Elemente

Menschen und Kulturen verkörpern jeweils eins oder mehrere der fünf Elemente, sei es bewusst, sei es unbewusst. Meist liegen den Kulturen die Elemente Feuer und Wasser zu Grunde. Die indigenen Kulturen identifizieren sich mit dem Wasser, denn im Allgemeinen suchen sie Frieden und Harmonie. Im Gegensatz dazu lassen sich moderne Kulturen mit dem Feuer identifizieren. Sie fordern alles und jedes heraus und riskieren kosmische Katastrophen.
Innerhalb dieser Kulturen verkörpert auch der Einzelne jeweils eins dieser Elemente. Es ist seine Essenz, während die übrigen Elemente in verschiedener Hinsicht als Hilfselemente wirken. Niemand verkörpert nur ein Element. Immer sind auch die anderen vier dabei. Die Essenz eines Menschen ist sein Genius. Die Bestimmung des Menschen ist, seinem Genius, gehüllt in die Farben seines Charakters, ins Dasein zu verhelfen. Ein Mensch mit Imagination und Leidenschaft, stets aktiv und rastlos tätig, verkörpert das Feuer. Ein seelentiefer Mensch, der friedliche Konfliktlösungen anstrebt und überall Eintracht sieht, verkörpert das Wasser. Ein Mensch, der für andere da sein möchte und sie akzeptiert, wie sie sind, verkörpert die Erde. Ein kontaktfreudiger Mensch mit großen sozialen Fähigkeiten, der die Geschichten der anderen Menschen kennt, verkörpert das Mineral. Und ein Mensch schließlich, der Unaufrichtigkeit nicht erträgt, dem Heuchelei gegen den Strich geht und der immer nur er selbst ist, verkörpert die Natur.


Feuer

Feuer ist das Ursprungselement, das Element des Anfangs. Sein Wesen sind Verbrennung, Hitze, Imagination und Gefühl. Seine Position auf dem Rad ist der Süden, die Unterwelt, seine Farbe Rot. Es ist der Zustand, in den am Ende alles zurückkehrt, der Zustand, in dem die Ahnen leben. Wenn wir auf der Erde gehen, werden wir von der Hitze der Ahnen, die aus der Unterwelt unter unseren Füßen heraufdringt, erwärmt. Feuer öffnet das Tor zur geistigen Welt und ermöglicht unserer Seele das Gespräch mit anderem Leben in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Feuer ist wie eine Verbindungsstange, ein offener Kanal. Feuer ist eigentlich unsere Seele, unser geistiger Teil, der weiß, was ist und immer gewesen ist. Feuer ist unsere Fähigkeit zu handeln, unsere Fähigkeit zu Emotion und Intuition. Ein Feuermensch sehnt sich immer nach Verbindung. Das Feuer in ihm übersetzt sich in Unstetigkeit, Unruhe, starke Erregung und lebhafte Träume.

Der Feuermensch blickt stets mit einem Auge in die Welt der Ahnen und Geister. Er ist Hüter des Tores zwischen dieser Welt und der anderen, der Ahnenwelt. Er versteht die Träume und kann sie anderen Menschen übersetzen und deuten. Der Feuermensch lebt auf der Schwelle zwischen menschlicher Kultur und Ahnenkultur. Seine Aufgabe ist es, zwischen den beiden Welten hin und her zu wandern. Auf Grund seiner Fähigkeit, in beide Welten zu blicken, ist er ganz besonders begabt. Zu dieser Kategorie gehören die Schamanen, weil sie in zwei Welten leben. Sie sind keine gewöhnlichen Sterblichen, die so ohne weiteres in ihre Kultur passen. Sie sehen ihre Kultur aus der Perspektive der Geisterwelt. Umgekehrt setzen sich Leute, die sich als Außenseiter ihrer Gesellschaft fühlen, vielleicht gerade dadurch mit dem Feuer ihrer Gesellschaft auseinander. Sie können sich nicht einfügen, und die Anderen begreifen nicht, warum sie sich nicht wie Durchschnittsmenschen benehmen.

Der Feuermensch wird von seinen Zeitgenossen häufig missverstanden. Er lebt nämlich mehr in der Zukunft als in der Gegenwart. Für ihn ist der Durchschnittsmensch viel zu langsam. Von diesem wird er als ungeduldig, hyperaktiv, manchmal intolerant eingeschätzt. Ein Feuermensch kann unmöglich faul sein, doch gelingt es ihm unter Umständen, sein Feuer in eine warme, sanfte Flamme zu verwandeln, die ein ganzes Dorf, eine Gemeinschaft, eine Stadt, ja eine Kultur an ihre Beziehung zu den anderen Welten erinnert.

Wenn Einzelne oder eine ganze Kultur ihre lebenswichtige Beziehung zu den anderen Welten, also zu den Ahnen vergessen, entzündet sich ein Feuer mit verheerenden Auswirkungen. Dann sehen die Einzelnen oder die ganze Kultur plötzlich fast alles in Begriffen des Feuers. Feuer wird in diesem Fall mit Macht, Geschwindigkeit, Rang und Wert gleichgesetzt. So etwas ist symptomatisch für eine in Flammen stehende Kultur. Wenn eine Kultur in Flammen steht, ist es niemandem mehr möglich, still zu sitzen und sich zu konzentrieren. Wie ein rasend dahinstürzender Feuerball ist eine brennende Kultur von Geschwindigkeit fasziniert. Das atemberaubende Tempo scheint, oberflächlich gesehen, von Pferdestärken erzeugt zu sein, aber in Wirklichkeit wird es von Verbrennung verursacht. Diese Verbrennung ist symptomatisch für eine Art Krise, die die Menschen unaufhörlich „in Flammen setzt“.

Diese Beschreibung einer Feuer-Kultur klingt vielleicht negativ und wenig anziehend. Doch ist es notwendig, die positiven Elemente eines einzelnen Feuermenschen dem negativen Bild einer in Flammen stehenden Kultur gegenüberzustellen. Feuer ist nun einmal gefährlich. Wenn es außer Kontrolle gerät, zerstört es alles, was ihm in den Weg tritt.

Wenn eine Kultur vom Feuer ergriffen ist, sehen Menschen rot. Ruhelos hasten sie in ihrem Konsumdenken weiter, beschmutzen alles, was sie berühren, erobern und zerstören alles, was ihnen in die Quere kommt. Eine in Flammen stehende Kultur fördert Konsumhaltung und Knappheit, um immer weitere Unruhe zu erzeugen, und dann treibt sie die unruhig brennende Seele an, Produktion und Konsum noch weiter anzuheizen. Eine solche Kultur steht auch im Bann der Gewalt. Denn Gewalt lässt sich sehr gut vermarkten und stimuliert die überhitzte Kultur noch mehr. Und schließlich ist eine Feuer-Kultur auch eine Kriegskultur.
Problemlösungen sind für sie immer nur durch Feuer möglich.
Konflikte sind für sie Feuer, das mit noch mehr Feuer gelöscht werden muss. Eine solche Kultur braucht eine Unmenge Wasser, um geheilt zu werden.


Wasser

Wir haben schon erwähnt, dass aus der Begegnung des Wassers mit Feuer Bedingungen entstanden, die Leben hervorbrachten. Die feurige Erde kühlte sich ab und verfestigte sich, wodurch es ihr möglich wurde, Leben zu tragen. Sie wurde zu einem Reich, dem das Wasser jetzt Leben schenken konnte. In dieser Schöpfungsgeschichte sind also wir Menschen Kinder des Wassers. Jeder, der mit Leib und Seele Vater oder Mutter seines Kindes ist, weiß, dass so etwas ein großer Segen ist. Das Wasser kann mit Recht behaupten, wir seien seine Kinder. Wir können zwar sagen, dass wir von der Erde stammen. Aber die Erde existierte nicht, bevor das Wasser auftauchte. Also darf das Wasser mit Recht alles Lebendige für sich beanspruchen. Ohne Wasser wird nichts rein, ist nichts authentisch. Wasser ermöglicht ein Bewusstsein, das uns mit der anderen Welt verbindet. Deshalb spricht man in so vielen Kulturen vom „Wasser des Lebens“, denn Wasser ist entscheidend für spirituelle Erfahrungen und den spirituellen Weg.

Das Element Wasser versöhnt und beruhigt, was in der Krise des Feuers gefangen ist. Wasser kühlt die brennende Seele. Sie stillt die Unrast des Bewusstseins, macht den hektischen Menschen gelassen und hilft ihm, sich im Chaos neu zu orientieren. Als Element auf dem kosmologischen Rad ist seine Lage der Norden, dem Feuer gegenüber. Seine Farben sind Blau und Schwarz. Wasser will alles, was erregt, gestört und sich selbst gefährlich ist, reinigen, versöhnen und ausgleichen. wenn Wasser wirkt, rettet es tödlich bedrohtes Leben und stärkt es. Daher die enge Beziehung zwischen Wasser und Leben. Wer Wasser sucht, sucht alles auf die Feuerschleife von Tempo und Konsum geratene Labile mit sich selbst zu versöhnen und ins Gleichgewicht zu bringen.

Wer Wasser sucht, sucht Leben und Selbstverwirklichung, die aus Selbstversenkung entsteht. Wasser verursacht Verlangsamung. Man bemerkt dann Dinge, die man bei hoher Geschwindigkeit unbedingt übersieht. Deshalb wird Wasser auch mit Konzentration assoziiert. Der Wassermensch ist langsam, hat Verständnis für alles und strebt danach, alles zum Guten ausschlagen zu lassen. Er sieht die Welt als Spektrum von Möglichkeiten. Der Wassermensch denkt gerne an Gemeinschaft, Beziehung, Liebe und Harmonie. Deshalb steht Wasser auch für Leid. Leid entsteht unter anderem aus Realitätsverlust. Leid entsteht auch aus der Wahrnehmung der großen Kluft zwischen dem Möglichen und der Unmöglichkeit, es zu verwirklichen. Der salzige Geschmack der Kummertränen ist der läuternde Geschmack der Versöhnung, der Sehnsucht nach Versöhnung. Wasser reinigt und wäscht alle durch unsere Fehler verursachte Unreinheit ab. Leid ist der Feind der Verdrängung. Ein Ältester sagte einst zu mir: „Meine Tränen sagen mir, dass meine Seele Worte aus der anderen Welt gehört hat.“

Wenn die Welt aus dem Gleichgewicht geraten und unversöhnt ist, ist ihr Wasser verschmutzt und wird missbraucht. Es wird zum Schuttabladeplatz unserer Schande. Verschmutzung ist also kein Zeichen für Fortschritt. Es ist ein Zeichen für Krise und die Unfähigkeit, sich mit den Dingen dieser Welt auszusöhnen. Verschmutzung sind die Auspuffgase des menschlichen Verdrängungsmotors. Und während das Wasser wirkungslos und brackig geworden ist, jagen die Menschen im Feuer dahin und halten vergeblich nach Mitteln zur Aussöhnung Ausschau. Schon muss das lebensspendende Wasser in vielen Ländern rationiert werden. Das Feuer liebt offenbar das Wasser nicht.

Eine Wasserkultur möchte, dass alles bleibt, wie es ist. Eine solche Kultur will nicht, dass die Eintracht von Gesellschaft und Umwelt gestört wird. Es ist eine langsame Kultur mit gemächlichem Temperament. Sie sieht lieber das potentielle Gute in allen Dingen. Menschen mit zu viel Wasser sind nicht ehrgeizig. Sie haben keine Eile, etwas zu tun oder zu vollenden. Sie lassen sich viel Zeit und werden böse, wenn man sie antreibt. Sie wissen nur zu genau, was nicht in ihrer Reichweite liegt, und sind, wenn ihr Gleichgewicht stark zugunsten des Wassers verschoben ist, wegen des vielen Unerreichbaren nicht einmal unglücklich.


Erde

Erde versinnbildlicht die Mutter, in deren Schoß jeder Heimat, Nahrung, Hilfe, Trost und Stärke findet. Erde ist das Prinzip des Umschließens und Einbeziehens. Sie ist das Fundament, auf dem wir uns selbst und andere finden. Sie gibt uns Identität und Zugehörigkeitsgefühl. Als Erzeugnis der Begegnung zwischen Feuer und Wasser repräsentiert sie Leben und Heilung, unbedingte Liebe und Fürsorge. Erde liebt es zu geben, und gibt Liebe im Überfluss. Mit anderen Worten, Erde sorgt genauso für die Krummen wie für die Graden. Beide dürfen auf ihr umherwandern. Im kosmologischen Rad der Dagara liegt die Erde im Zentrum und ist ihr die Farbe Gelb zugeordnet. Diese zentrale Position auf dem Rad erzählt auch von Sichtbarkeit. Erde ist die Fähigkeit, etwas zu bemerken, selbst zu sehen und freudigen Schreck beim Gesehenwerden zu empfinden.

Der mit dem Element Erde verbundene Mensch liebt die Welt, liebt die Erde. Anders als das Wasser, das sich seinen Weg immer nur an einen Ort, zum Ozean, bahnt, findet Erde überall, an jedem Ort, ihr Genüge und liebt es auch, Genügsamkeit zu schenken. Erdmenschen, also Menschen mit viel Erdenergie, sind Pfleger. Sie haben wie eine Großmutter Freude daran, dass sich jeder satt, zufrieden, anerkannt und geliebt fühlt. Erdmenschen können Armut bei anderen nicht ertragen. Sie geben ihr letztes Hemd weg, bevor sie sich selbst etwas schenken. Andere glücklich zu machen, macht sie glücklich. Der Erdmensch sorgt spirituell, materiell und emotional für andere.

Ein Mensch ohne Erde ist in Not oder heimatlos. So jemand hat sein Fundament verloren. Ein Mensch ohne Erde fühlt sich leer, einsam, verwirrt. Er leidet an Unsichtbarkeit und Anonymität. Diese unerträgliche Situation kann dazu führen, dass die Menschen einer ganzen Kultur einander dauernd Häuser und Grundstücke verkaufen. Denn das Heim, in symbolischem oder buchstäblichem Sinn, ist Grundlage der Identität. Wenn man Menschen ihr Heim nimmt und ihnen ein neues zum Kauf anbietet, müssen sie es kaufen, da Heimlosigkeit unerträglich ist. Deshalb werden Stücke unserer Mutter mit so großem Erfolg auf den Märkten angeboten. Ist das der Grund, weshalb man sich im Westen beim Anblick eines Obdachlosen so unbehaglich fühlt? Ist das der Grund, weshalb man nichts mit Menschen anfangen kann, die den Erwartungen der Wirtschaft nicht genügen? Land und Erde sind zur Ware geworden. Das wird sich auch durch allen Fortschritt nicht ändern.

Ich will damit sagen, dass die industrielle Entwicklung und die Landflucht unzähliger Menschen nichts daran geändert haben, dass die Verbindung zwischen Mensch und Erde, die uns hervorgebracht hat, lebenswichtig ist. Sie haben nur dazu geführt, dass wir diesen Zusammenhang vergessen haben. Wenn sich die Menschen einer Kultur nicht mehr daran erinnern, dass sie nur ein Faden im Gewebe des Erdenlebens sind, werden sie alle heimatlos.

Der Aufbau von Gemeinschaften ist schwierig, wenn nicht unmöglich, falls der Mensch den Kontakt mit Grund und Boden als Quell seiner Stärke verloren hat. Nur wenn jemand irgendwo fest gegründet und verwurzelt ist, kann er seiner Welt, seiner Gemeinschaft, auch etwas zurückgeben. Ohne Fundament wollen sich die Menschen, weil sie die Ernährung durch die Erde vermissen, immer so viel wie möglich von der Welt einverleiben. Aber auch wenn ihnen das gelingt und sie sich alle benötigten materiellen Güter beschafft haben, werden sie sich im Grund ihres Herzens weiter unsicher fühlen. Das zeigt, sie haben noch nicht den Ruf verspürt, der Welt etwas zu schenken. Zu nehmen, ohne vorher zu geben, heißt, den Karren vor das Pferd zu spannen. Wer nicht gegründet ist, weiß im tiefsten Innern nicht, woher er kommt. Und deshalb ist er auch unsicher, wohin er gehen und warum er überhaupt gehen soll. Die Erde, das spirituelle Heiligtum unseres Daseins, ist der Mittelpunkt, in dem unser Menschsein wurzelt.


Errichtung eines Heims

Da die Erde unser tiefstes Zentrum ist, steht sie auch bei Ritualen zur Errichtung eines Heims im Zentrum. Es ist sicher gut, wenn wir uns hier mit dem Ritual des Hausbaus beim Dagara-Stamm befassen. Damit heben wir seine Bedeutung für die Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl hervor. Bei den Dagara ist das Heim etwas Heiliges. Denn das Haus ist das augenfälligste Symbol der Erde. Ebenso besteht ein Zusammenhang zwischen dem Heim und den Beziehungen eines Menschen, besonders was die Beziehungen zwischen Familie und Gemeinschaft betrifft. Daher ist die Errichtung eines Heims ein sehr bedeutsamer ritueller Vorgang, als wäre der Bau eines Hauses gleichbedeutend mit dem Aufbau einer Beziehung.

Der Sitte der Dagara entsprechend bauen die Männer das Haus, aber die Frauen schenken ihm Leben. Bevor einer mit dem Hausbau beginnt, muss er am Erdheiligtum des Dorfes 1 500 Kauri-Muscheln und ein Huhn darbringen. Die Kauri-Muscheln symbolisieren den Überfluss, das Huhn das Leben. Der Priester des Erdheiligtums übernimmt die Gabe von dem künftigen Hauseigentümer und überreicht sie mit einem Gebet der Erdgeistmutter. Dieses nimmt oft die Form einer Anrufung des Erdgeistes an, er möge bei der Gründung einer neuen Familie behilflich sein. Dann bearbeiten der Priester und der künftige Hauseigentümer den Boden gemeinsam mit derselben Hacke. Diese Geste des Boden-Aufhackens ist Symbol dafür, dass einer sich in die Erde einwurzelt, auch wenn es nicht am Bauplatz selbst geschieht.

Danach unterrichtet der künftige Hauseigentümer den Priester des Ahnenheiligtums, der gewöhnlich auch Oberhaupt des Dorfes ist, von seiner Absicht zu bauen. Das nächste Ritual findet am Bauplatz selbst statt. Jetzt ist der Priester des Ahnenheiligtums anwesend. Wieder wird der Boden aufgehackt, während der Priester für die Gemeinschaft betet. Das Gebet lässt sich grob so übersetzen: „Hiermit drücken wir unseren Wunsch aus, zusammenzukommen, nicht auseinander zu gehen.“ Um eine Gemeinschaft zu gründen und damit sie wächst und gedeiht, ist der Segen der Ahnen notwendig.

Von da an wird das Haus errichtet, und zwar in mehreren Abschnitten, bei denen jeweils dem Geist des Bodens und den Ahnen rituelle Opfer dargebracht werden. Das nimmt Monate in Anspruch. Zuerst wird aus Achtung für die Tiere der für die Tiere vorgesehene Teil des Hauses gebaut. Kurz vor Fertigstellung dieses Teils wird ein Dach über dem Teilstück für die Menschen errichtet. Ein Haus wird nämlich erst zu einem Heim, wenn es ein Dach besitzt. Denn in diesem Augenblick ziehen die Hilfsgeister der Familie ein. In diesem Moment muss aber auch unbedingt ein Angehöriger der Familie einziehen. Dadurch werden die Hilfsgeister an diesen Ort gebunden. Ein leeres Haus würde nur böse Geister einladen. Kurz nach Errichtung des Daches wird das Frauenquartier fertig gestellt, und Frauen und Kinder ziehen ein. Eine Toilette besitzt das Haus nicht. Die Menschen benutzen die Natur als Toilette. Die menschlichen Exkremente düngen die Felder. Als letzter zieht der Mann des Hauses ein.

Jetzt bewohnen also Menschen das neue Haus, aber als eigentlicher Besitzer gilt Tingan, der Geist der Erde. Da Tingan das Heim gehört, ist jedes im Haushalt auftauchende Problem, einschließlich aller Krankheiten und Beziehungskrisen, eine Botschaft von Tingan. Irgendwie hat man sich dann Tingan entfremdet, und die Familienmitglieder müssen einen Wahrsager fragen, was Tingan wünscht.

Das Haus ist unmittelbarer Ausdruck der Beziehungen zwischen Familie und Dorf. Das Aufhacken des Boden muss daher in Anwesenheit der Gemeinschaft geschehen. Und der etappenweise Bezug ist notwendig, weil der Prozess des Umzugs - die ganze Beziehung zwischen Familie und Gemeinschaft zieht ja um - etwas sehr Heikles ist. Viele Rituale müssen durchgeführt werden, damit die bereits existierende Beziehung zwischen Familie und Gemeinschaft sicher an einen neuen Ort und auf ein neues Stück Land transferiert wird.

Ein besonderes Einzugsritual gibt es nicht, weil der Einzug nicht am Tag des eigentlichen Umzugs stattfindet, sondern schon an dem Tag, an dem man den Umzug plant. Das mit dem Priester des Erdheiligtums und den Ahnen zu Beginn des Unternehmens durchgeführte Ritual kann deshalb als Einzugsritual betrachtet werden.


Mineral oder Stein

Gehen wir jetzt zum vierten Element, dem Mineral, über. Das Mineral ist der Speicher des Gedächtnisses, das Prinzip der Kreativität, des Vorrats, der Erzählungen und der Symbole. Auf dem kosmologischen Rad liegt das Mineral im Westen und hat die Farbe Weiß. Es ist die Elementar-Energie, die uns Erinnerung, Sprache und den Ausdruck von Gefühlen ermöglicht. Mit ihrer Hilfe empfangen wir Botschaften aus der anderen Welt und erinnern uns unseres Ursprungs und Lebenszieles. All diese Funktionen sind mit dem menschlichen Skelett, das aus Mineralien besteht, verbunden. In der Physiologie der Dagara sind die Knochen, nicht das Gehirn, die Speicher des Gedächtnisses. Nicht selten hört man im Dorf einen Ältesten sagen: „Das liegt uns in den Knochen, und lag auch schon unseren Ahnen in den Knochen.“ Im Westen gibt es eine ähnliche Redewendung: „Ich spüre es in allen Knochen.“ Sie bezieht sich auf ein tieferes, elementareres Wissen als das durch den rationalen Verstand erworbene.

Für den Stammesangehörigen ist Mineral außerdem gleichbedeutend mit Stein. Es heißt, Steine und Felsen sind die Knochen der Erde. Um die wahre Geschichte unserer Erde, einschließlich der Geschichte unserer selbst, zu erfahren, müssen wir den Felsen zuhören. Sie sind die Kanäle, durch die die Erde uns informiert. Jedes mit Knochen geborene Geschöpf besitzt, so heißt es, bereits einiges Wissen. Daraus leiten die Stammesvölker die Überzeugung ab, dass niemand ohne einen Genius auf die Welt kommt und dass diesem Genius nicht lange nach der Geburt ein Zugang zur Persönlichkeit gebahnt werden muss. Das geschieht zuerst durch den Namen, später durch Initiation. Die Menschen der westlichen Kultur, die ohne Lebensziel umherirren, haben vielleicht ihren Genius verloren und leben im Exil, auf der Suche nach Möglichkeiten des Sich-Erinnerns. Solche Menschen brauchen Mineralrituale. Diese stellen die Verbindung zum verschütteten Gedächtnis, das durch Mineral symbolisiert wird, wieder her.

Die Stammesvölker sind davon überzeugt, dass unsere Knochen Minerale sind, Speicher für Tausende von Jahren der Information. Die Knochen speichern alle für uns unentbehrlichen Erinnerungen. Ich frage mich, ob nicht viele Probleme im Westen einfach die Folge eines großen Vergessens sind. Auch frage ich mich, ob die Leute in Silicon Valley, die Steine bis zum harten Kern abschleifen und in Speichermaschinen einsetzen, vielleicht noch irgendwie wissen, dass Steine schon immer Informationsträger gewesen sind. Nach meinem Gefühl antworten unter der Midlife-Crisis leidende Menschen nur auf den Ruf und den Druck unzähliger Informationen, die sie nicht verarbeitet haben, weil sie sich nicht daran erinnern können. Wenn man zum Beispiel Menschen Zugang zu den tief vergrabenen Erinnerungen, die sie schon ins Leben mitgebracht haben, verschaffen könnte, würden sie sich völlig anders orientieren können.

Ebenso frage ich mich, ob die Faszination der modernen Welt durch das Internet nicht teilweise auf diese riesige Gedächtnislücke zurückzuführen ist. Die Menschen suchen nach etwas. Und wer die in unseren Knochen gespeicherte Information nicht beachtet, empfindet den Drang, sie außerhalb seiner selbst zu suchen. Die Information draußen ist also Ersatz für die Information drinnen. Könnte es nicht sein, dass die nicht erkannte Weisheit im Innern uns zwingt, immer schneller über die Datenautobahn zu rasen, in der Hoffnung, zu entdecken, was wir doch bereits besitzen? Der ständige Ausbau der Software, der uns den Zugang zum Wissen immer noch mehr erleichtert, bringt mich auf den Gedanken: Steckt vielleicht hinter Windows 95 die geheime Hoffnung auf einen Blick in die andere Welt?

Stammesvölker lernen nicht dadurch, dass sie sich Wissen von außen holen. Sie lernen statt dessen, sich an das Wissen zu erinnern, das sie bereits besitzen. Der Mensch mit mineralischem Wesen spricht sehr viel, weil das Mineral in Form von Sprache ausdrückt, was in den Knochen verschlüsselt gespeichert ist.

Mineralmenschen sind Geschichtenerzähler und stehen im Bann des Mythos, der Überlieferung und der Rituale. Sie sind geschickt im Umgang mit Bildern und Symbolen. In Afrika sind es die Ausrufer. Sie wissen, was jetzt geschieht und was seit zahllosen Generationen geschehen ist. Sie erinnern uns fortwährend durch Geschichten, Sprichwörter, Lieder und Gedichte daran, wie wichtig und heilsam es ist, mit der Tradition verbunden zu bleiben. Sie wissen, wie man lobt und wie man warnt.

Eine zu sehr mit Mineral betrachtete Kultur betreibt fanatisch Kommunikation auf allen Ebenen. In so einer Kultur ist die Sprache ein wesentliches Instrument der Macht. Das Problem in so einer Kultur ist nur, eine Zuhörerschaft, jemanden, der zuhört, zu finden. Die Vorliebe des Mineralmenschen für Diskussionen, seine Angewohnheit, alles mit immer wieder anderen Worten dreimal zu sagen, und sein Geschick, mit vielen Worten nichts zu sagen, ist wirklich verblüffend. Ein Mineralmensch, eine Mineralkultur ist extrovertiert, fast großsprecherisch, hat aber doch fast immer auch wirklich etwas zu sagen. Die Gabe, die Mineralmenschen für ihre Gesellschaft und die Welt bereithalten, ist die Gabe des Sich-Erinnerns - durch Worte und Geschichten - an Ursprung und Lebensziel des Menschen.


Natur

Das Element Natur kennzeichnet das Prinzip des Wandels. Hier geht es um Transformation, Mutation, Abstimmung, Flexibilität, Zyklen, Leben, Tod und Magie. Natur ist etwas Lebendiges. Sie besteht aus Pflanzen und Landschaften, ebenso aus Tieren. Auf dem kosmologischen Rad liegt Natur im Osten, dem Mineral gegenüber, ihre Farbe ist Grün. Natur fordert uns auf, uns bewusst zu ändern und jeden Wechsel willkommen zu heißen. Ebenso wie jedes Mineral Informationen zu unserem Wohl speichert, sind die komplexen Formen der Natur ganze Bibliotheken für alle, die lesen können. Der magische Zauber, nach dem wir uns sehnen, und die Anziehung, die das Übernatürliche auf uns ausübt, sind ihrem Wesen nach Natur. Denn alles, Bäume, Pflanzen, Landschaften und die auf ihrem Weg zum Ozean schäumend bergabwärts strömenden Flüsse sind goldene Hieroglyphen. Sie verbergen tiefe Geheimnisse, wenn die Menschen nur darauf achten wollten. Für den Angehörigen der Stammeswelt ist der Baum das Wesen des Bewusstseins.

Landschaften und geologische Formationen sind für Stammesvölker Sprache, lesbare Schrift. Hochgelegene Plätze wirken wie Antennen, wie Relais-Stationen, die Informationen aus großer Ferne, aus der äußeren Welt zur inneren Welt, heruntertransformieren. Gewässer bringen diese Informationen dann in die Unterwelt. Sie tragen Boten in die Unterwelt.

Unfruchtbare, flache Landschaften senden schnelle Energien aus, gefährlich für einsame Wanderer. Für die Dagara sind Wüsten Orte, wo ferne Wesen sich Tag und Nacht begegnen. Tagsüber tun sie nichts und verbergen sich im Licht. Doch nachts werden sie aktiv und sind viel besser sichtbar. Da man sich in ihrer Welt leicht verirren kann und nie mehr den Rückweg findet, wagen sich nur Medizinmänner und -frauen bei Nacht in offenes Gelände.

In dichtbewaldeten Gebieten schützt die Feuchtigkeit der Pflanzen und Bäume den Menschen vor der anderen Welt. Doch da hohe Bäume zugleich geheimnisvollen Tätigkeiten obliegen, besonders nachts, sollten sich normale Menschen ihnen nicht aussetzen. Sie strahlen Energien aus, die Körper und Seele beeinflussen können. So ist für die Dagara die Savanne mit ihren spärlichen Bäumen und hohen Gräsern der ideale Aufenthaltsort. Da ein solches Gelände zwischen zwei besonders stark geladenen Territorien liegt, den Bergen und der Wüste, ist es das beste Refugium für den Menschen.

Alle Lebensformen werden durch dieses gewaltige, in der Geografie ausgespannte Kommunikationssystem beeinflusst. Aus diesem Grund sehen die indigenen Völker Natur und Magie als Einheit an, anders als im Westen, wo die beiden oft einen Gegensatz bilden.

Der Naturmensch gilt als Persönlichkeit mit großer Anpassungsfähigkeit. Er ändert leicht seine Gestalt und ist prädisponiert für Übergänge. Er ist ein Hexer, ein Zauberer. Oft habe ich mich gefragt, ob die Puritaner Hexen nicht deshalb verbrannt haben, weil sie die Macht der Natur in ihnen fürchteten. Unaufhörlich hat man in der Geschichte des Westens die Natur und das Natürliche verfolgt. Und auch wenn heute keine Hexen mehr lebendig verbrannt werden, zerstört man doch die Natur. Immer wenn ein Baum gefällt wird, wird auch eine Hexe ausgelöscht. Jedes Mal, wenn ein Bulldozer eine Schneise durch den Wald schlägt, wird eine Zaubergabe der Erde vernichtet. Der größte Feind des Fortschritts scheint für den Westen die Natur zu sein. Von wirtschaftlichen Erwägungen gerechtfertigt, bahnt sich der Fortschritt, die Natur verachtend, seinen Weg, als wäre sie sein größtes Hindernis.

Naturmenschen fordern uns auf, realistisch zu sein, wir selbst zu sein. Sie fordern uns auf, die Masken fallen zu lassen, die zu tragen die Welt von uns erwartet, und die Welt um uns her so zu sehen, wie sie wirklich ist. Diese Aufforderung erfolgt oft in Gestalt von Humor, Spiel und Scherz, worin eine ungeheure subversive Kraft liegt. Naturmenschen überlisten uns durch Humor und Scherze zu einer realistischeren Einstellung. Ein Naturmensch ist wie ein Kind, das gerne spielt und das Leben als aufregendes Spiel auffasst. Bei solch einem Menschen wird man selten der Scheinheiligkeit begegnen. Die Macht der Natur liegt nicht nur in ihren magischen Fähigkeiten, sondern auch in der Veränderung, zu der sie uns ständig antreibt.

Deshalb wird eine von Natur dominierte Kultur extrem sensitiv für alle Lebenszyklen sein. Ihre Spiritualität ist von jahreszeitlichen Ritualen beherrscht, die alles auf den sich wandelnden Rhythmus der Natur abstimmen. Die Mythen und Geschichten einer solchen Kultur sind von Bäumen und sprechenden Tieren bevölkert, von Wesen, die in Flüssen und Bächen und in Bergen und Hügeln wohnen. Die Menschen sehen lebendige Geister hinter Vögeln, Bäumen und Tieren und komplizierte Vorschriften für den Umgang mit ihnen. In der Welt der Stammesvölker ist das so auffällig, dass sich ein Außenstehender oft wundert, wie Menschen mit einem solchen Bewusstsein überhaupt leben können. Die Schattenseite der Natur ist die schwarze Magie, die darauf aus ist, anderen Menschen zu schaden. Deshalb ist jeder Zauberer gefürchtet, auch wenn er kein Schwarzmagier ist. Immerhin weiß er ja über die schwarze Magie Bescheid.

Wenn eins dieser fünf Elemente eine Herausforderung für die moderne Welt darstellt, so ist es für mein Gefühl die Natur. Nach Auffassung der indigenen Völker ist Modernität gleichbedeutend mit einem Rückzug von der Natur. Wie soll sich Natur mit Modernität in Einklang bringen lassen, wenn sich die moderne Technik doch selbst als Gegensatz zur Natur versteht? Aber die Stammesvölker wissen auch, dass die Natur keine Kompromisse macht. Sie zieht sich bei Angriffen nicht zurück. Denn ihre Vernichtung würde unsere Vernichtung bedeuten. Aus diesem Grund halten sich indigene Völker lieber an die Weisheit eines naturverbundenen Lebens und respektieren die Wünsche der Natur.


Die fünf Elemente und die Gemeinschaft

Ich habe hier Bezeichnungen wie Wassermenschen, Feuermenschen, Erdmenschen, Mineralmenschen und Naturmenschen verwendet. Die fünf Elemente lassen sich aber auch auf Sippen beziehen. Menschen werden in eine Sippe hineingeboren, ganz so, wie man in einem bestimmten Tierkreiszeichen geboren wird. Die Zeit der Geburt verbindet den Menschen mit einem bestimmten Element und prägt es. Aber die Entscheidung, wann ein Mensch geboren wird und welches Element er demnach verkörpern will, liegt für die Stammesvölker vor der Geburt und wird vom Einzelnen nur noch bestätigt.

Die fünf Elemente, die auch die fünf Sippen bilden, fügen das ganze Dorf zu einem kosmologischen Rad zusammen. Das Dorf hält sich selbst im Gleichgewicht, indem es die Elemente im Gleichgewicht hält. Damit aber das Rad im Gleichgewicht bleibt, muss das Element Wasser überwiegen. Ebenso wie die Erde eigentlich Wasser und der menschliche Körper eigentlich Wasser sind, braucht eine Gemeinschaft für ihr Gleichgewicht eine große Anzahl Wassermenschen. Es muss mindestens dreimal so viel Wassermenschen im Dorf geben wie Feuermenschen. Ist das nicht der Fall, tritt Hitze auf und dehnt sich immer mehr aus, bis es zur Krise kommt. Die Schwierigkeiten der Gemeinschaftsbildung in der modernen Welt dürften sich aus diesem Umstand ergeben. Denn wenn die Menschen einer Gesellschaft überwiegend Feuermenschen sind, entsteht eher Reibung als Ausgeglichenheit.

Darum gibt es Heilrituale zur Aufhebung eventueller Ungleichgewichte. Wasserrituale tragen dazu bei, das Feuer zu beruhigen und den Menschen mit der Natur zu versöhnen. Wenn der Wasseranteil mehr als dreimal so hoch ist wie der des Feuers, ist die Erde feucht genug. Die Natur kann sich entfalten. Das Wasser nährt die Natur. Dank des Wassers gedeihen Pflanzen und Tiere. Ein gutes Verhältnis von Wasser, Erde und Natur wird auch saubere Atemluft erzeugen. Wenn diese drei Elemente nicht im Gleichgewicht sind, ist unsere Atemluft von schlechter Qualität. Wer die Ausgewogenheit der Elemente stört, bringt die Gemeinschaft in Gefahr.

Die Hauptaufgabe jeder Gemeinschaft ist, ihr Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, einen Zustand, in dem alle fünf Elemente reibungslos funktionieren und eins auf das andere reagiert. So etwas erfordert größte Sorgfalt. Aber es geht hier nicht um die Anwendung komplizierter Wirtschafts- und Sozialtheorien. In erster Linie kommt es darauf an, festzustellen, welche Elemente einer Gemeinschaft gefährlich werden können. Wir werden dieses Problem in den den Elementen und Ritualen gewidmeten Kapiteln noch ausführlich diskutieren. Jetzt genügt es, sich klar zu machen, dass es eine Möglichkeit gibt, soziale und ökonomische Probleme mittels der Elemente zu begreifen und dass auch ein Weg existiert, diese Probleme rituell zu lösen.

Das Rad der Elemente existiert in jedem Menschen, ebenso in jeder Sippe und jeder Gemeinschaft. Deshalb muss jeder Einzelne, auf seiner Ebene, einen Gleichgewichtszustand aufrechterhalten, koste es, was es wolle. Jeder Mensch ist darauf angewiesen, dass die Wasser der Versöhnung, die das innere Feuer löschen und Harmonie mit anderen Menschen herbeiführen, im Innern fließen. Jeder Mensch muss aber auch das Ahnenfeuer im eigenen Innern nähren, damit er in Berührung mit seinen Träumen und Visionen bleibt. Jeder Mensch muss fest in der Erde gegründet sein, um der ganzen Gemeinschaft Nahrung geben zu können. Jeder Mensch muss sich an das in den Knochen gespeicherte Wissen erinnern, um seinen Genius zu entfalten. Und jeder Mensch muss auch realistisch sein, so wie die Natur realistisch ist, d.h. ohne so zu tun als ob. Er braucht einen Sinn für das Geheimnis und das Wunderbare und muss zur Gesundheit der Natur beitragen. Wer auf einem dieser Gebiete kein Gleichgewicht hält, öffnet Krankheiten Tür und Tor.

Ein Mensch, der sich nicht im Gleichgewicht befindet, ist eine Bedrohung für die ganze Gemeinschaft. Er kann sie leicht ebenfalls aus dem Gleichgewicht bringen. Im Dorf ruft die Krankheit eines Menschen die Energie der gesamten Gemeinschaft auf den Plan. Wenn ein Einzelner krank ist, ist das ganze Dorf krank. Eine Gemeinschaft ist gesund, wenn jedes Mitglied gesund ist. Das Feuer eines Menschen in emotionaler Krise kann leicht auf andere Menschen überspringen. Bevor das Problem überhaupt erkannt ist, kann die ganze Gemeinschaft in Flammen stehen.

Ebenso stellt in der modernen Welt ideologisches, dogmatisches Denken eine große Gefahr dar. Ideologie und Dogma enthalten elementare Feuerenergien eines bestimmten Typs, die unversehens entfesselt werden können. Und ohne Schutzmaßnahmen kann diese entfesselte Energie auf andere Kreise übergreifen und ein ganzes System, eine ganze Kultur in Brand setzen. Die Heilung des Einzelnen kann als Schutz für das Energierad der Gemeinschaft aufgefasst werden. Denn nur, wenn alle Einzelnen gesund sind, ist die Gemeinschaft selbst gesund.


aus: The healing wisdom of Africa. Finding life purpose through nature, ritual and community.
Deutsche Ausgabe Die Weisheit Afrikas. Ritual, Natur und Lebenssinn, Diederichs Verlag München 2001

Übersetzung: Götz Ferdinand Kreibl
Bearbeitung: Manfred Weule



Vorläufige Zuordnung
zum dominanten Element der 5 Elemente:

letzte Ziffer des Geburtsjahres / Element

0 oder 5 / Erde

1 oder 6 / Wasser

2 oder 7 / Feuer

3 oder 8 / Natur

4 oder 9 / Mineral

also z.B. Jahrgang 1958 = Natur