Teil I – Über die Notwendigkeit einer zweiten Reformation
Am
31. Oktober des Jahres 1517 schlugt Martin Luther seine 95 Thesen wider die
päpstliche Ablasspraxis an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Damals
hatte die Kirche ein Monopol auf die Auslegung der Bibel, doch sie
missbrauchte dieses Monopol und bog den Sinn der Schrift ohne
jeden Skrupel entsprechend der eigenen Interessenlage zurecht. Durch seine
Bibelübersetzung brach Luther dieses Monopol und machte den Text allen
zugänglich.
Doch die Gläubigen hatten nun
zwar den Text der Bibel, jedoch nicht das Wissen um die Symbolik und so
konnten sie den Text nur auf eine einzige Weise verstehen und auslegen:
wörtlich und buchstabengetreu. Und so hat Luther, auch wenn er selbst
aus der Bibel keinen "papiernen Papst" machen wollte, dennoch
die Grundlage für den Buchstabenglauben gelegt.
Aber
der Buchstabe tötet und nur der Geist macht lebendig.
Und
so entsteht die Notwendigkeit für eine zweite Reformation, um nun den Geist
aus den Buchstaben zu befreien und um den tieferen Sinn zu erkennen, der in
der Symbolik der Bibel verborgen liegt.
Aus
Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, sind daher 95
neue Thesen entstanden, um eine Diskussion unter den Gläubigen in Gang zu
setzen.
Teil II – Der Ursprung und der Sinn des Christentums
Das
Christentums entstand im Umfeld der antiken Mysterienschulen und
Einweihungskulte. Es gibt deutliche Übereinstimmungen in der Symbolik und bei
den mythischen Grundmotiven, die dieses belegen. (siehe: Konrad
Dietzfelbinger: Mysterienschulen)
Wie
bei den anderen Einweihungskulten, so gab es auch im ursprünglichen
Christentum ein „geheimes/esoterisches Wissen“, das nur an Eingeweihte weiter
gegeben wurde. („Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure
Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen,..“)
Ein
solches geheimes Wissen, das nur einem „inneren“ Kreis von Eingeweihten
zugänglich ist, wird als „Esoterik“
bezeichnet. (Eso = innen). Leider hat dieser Begriff in den letzen Jahren
einen ziemlich negativen Beigeschmack bekommen, da dieses Schlagwort auch
recht häufig für zweifelhafte und unseriöse Publikationen missbraucht wurde,
die eigentlich gar nichts mir dem geheimen Wissen der Mysterienschulen zu tun
hatten.
Esoterik
und Christentum sind also keine Gegensätze, sondern es gab ursprünglich auch
eine „christliche Esoterik“.
Dieses
geheime Wissen ging im Laufe der Zeit verloren. Aber es hat verborgen in der
Symbolik der Evangelien die Jahrhunderte relativ unbeschadet überstanden und
lässt sich daraus rekonstruieren – sofern man die Symbolik versteht.
Im
Thomas-Evangelium wird uns zwar die esoterische Lehre des Christentums als
Logien-Sammlung vermittelt („Dies sind die geheimen Worte...“), aber
der Text ist nur für solche Menschen verständlich, die den „Tod“ bereits
überwunden haben.(Die Symbolik des „Todes“ wird später noch dargestellt.)
Die
Symbolik der Evangelien ist keine „poetische Ausschmückung“ der
Lebensgeschichte von Jesus, sondern sie vermittelt uns ein Wissen über eine
andere, geistige Wirklichkeit, das sich
anders nicht darstellen lässt.
Die
symbolische Auslegung der Evangelien hat den Sinn, die Symbolsprache zu
vermitteln, so dass der Zuhörer lernt, sie auch selbst anzuwenden. Jede
symbolische Auslegung ist in diesem Sinne eine kleine Einweihung.
Diese
„symbolische“ Auslegung ist etwas vollkommen anderes als die heute üblichen
„moralischen“ Auslegungen der Evangelien. In der moralischen Auslegung wird
das Leben von Jesus als ein Vorbild für unser irdisches Handeln interpretiert.
In der symbolischen Auslegung wird hingegen der Weg von Jesus zu einer
Schilderung von Abläufen, die sich großenteils in einer anderen,
geistigen Wirklichkeit abspielen.
Während
es bei der moralischen Sicht um die Frage geht „Was bedeutet das für mich,
wenn ich danach handeln will?“, so geht es bei der symbolischen Sicht um die
Frage „Was bedeutet das, wenn es in mir passiert?“. (z.B. Was bedeutet die
Gefangennahme von Jesus, wenn sie in mir geschieht?)
Durch
ein Verständnis für die Symbolik lässt sich eine andere,
geistige Wirklichkeit erleben, so wie sich
durch das Lesen der Buchstaben die Handlung eines Romans erleben lässt. Durch
die Symbolik öffnet sich eine Tür zu einer anderen Wirklichkeit. Und so, wie
uns ohne Schriftkenntnis die Handlung eines Romans verborgen bliebe, so bleibt
uns ohne Symbolkenntnis die andere Wirklichkeit und auch der tiefere Sinn der
Bibel verborgen.
Wenn
mancher Gläubige, Priester, Theologe oder kirchliche Würdenträger den
verborgenen Sinn hinter der Symbolik nicht erfassen kann und schließlich sogar
behauptet, es gäbe ihn gar nicht, so gleicht er darin einem Analphabeten, der
die Handlung des Romans leugnet, nur weil er selbst nicht lesen kann.
Es
ist nicht der Sinn des Christentums, dass wir glauben, dass alles wirklich vor
2000 Jahren exakt so geschehen ist, wie es in er Bibel steht, denn was vor
2000 Jahren in einem fernen Land geschah, das hat für uns heute keinerlei
Nutzen.
Sondern
es geht darum, dass heute etwas in uns geschieht – dass wir mit Hilfe der
mythischen Motive einen Zugang kriegen zu dem Urwissen, dass in jedem von uns
begraben ist.
Wer
das Ur-Wissen in sich wiedererweckt hat, der braucht nichts mehr zu glauben,
denn er hat verstanden. Das Credo wird durch die Gnosis ersetzt.
Die
heute oftmals übliche „historische“ oder „entmythologisierte“ Sicht auf die
Evangelien lenkt von dieser Symbolik ab und beraubt damit die Gläubigen um
diesen Zugang zu der anderen Wirklichkeit. Das gilt ein gleicher Weise auch
für den Buchstabenglauben sogenannter „bibeltreuer Christen“.
Teil III – Der Sinn der Schöpfung und der Sinn des
Lebens
Geist
vermehrt sich durch Erfahrung – indem er aus der Erfahrung neue Ideen und
Erkenntnisse zieht. So vermehrt sich auch Gott – der universelle und alles
umfassende Geist – durch die Erfahrungen aller Geschöpfe.
Die
materielle Welt ist der Bereich, in dem die Geschöpfe ihre Erfahrungen
sammeln.
Die
Ideen sind geistiger Natur. Sie sind wie
Pflanzensamen und die materiellen Welt ist wie der Erdboden, in dem sich der
Same entwickeln kann. Die Erfahrung ist die Frucht unseres Leben und sie kann
schließlich geerntet werden. Und sie ist wiederum der Same für neue
Entwicklungen.
So
gibt es in der Schöpfung einen ewigen Kreislauf von Aussaat und Ernte und in
diesem Sinne ist Gott der „Sämann“.
Es
ist der Sinn unseres Lebens, dass wir lernen sollen. Diese Aussage wird auch
durch sehr viele Menschen bestätigt, die Todesnäheerlebnisse hatten.
Für
diesen Lernprozess ist das starre Festhalten an traditionellen Ritualen und an
kirchlichen Dogmen eher hinderlich. Man braucht eine gewisse Freiheit, um
lernen zu können – auch die Freiheit, die alten Ideen in Frage stellen zu
können.
Der
Geist kann nur wehen, wo man ihn wehen lässt. Wenn man ihn mit Dogmen und
Kathechismus-Paragraphen einsperrt, dann kann er nicht wehen.
Es
ist jedoch nicht so, dass die materielle Welt eine Schule wäre, in der Gott
uns etwas beibringen will, sondern in erster Linie lernt Gott durch uns. Er
lernt und vermehrt sich durch unsere Erfahrungen.
Die
Vielfalt, Unterschiedlichkeit und die Einzeigartigkeit aller Geschöpfe
ermöglicht sehr viele unterschiedliche Erfahrungen. Und vermutlich gibt es auf
anderen Planeten und in anderen Seinsbereichen noch ganz andere Möglichkeiten
Erfahrungen zu sammeln.
So
wie ein Kind keine eigenen Erfahrungen sammeln kann, wenn der Vater jeden
seiner Schritt lenkt, so war es auch für die Geschöpfe notwendig, sich für
eine gewisse Zeit vom Vater zu trennen und ein individuelles Bewusstsein zu
entwickeln.
Die
Trennung von Gott ist also kein Fehler oder Irrtum, sondern ein notwendiger
Bestandteil des Schöpfungsplans. (vgl. Gleichnis vom verlorenen Sohn)
In
der materiellen Welt haben wir die Freiheit, um Ideen erproben zu können und
wir spüren die Konsequenzen, um sie beurteilen zu können. Leid ist die Folge
von Freiheit und Konsequenz.
Wenn
wir die Freiheit haben, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und wir auch
die Konsequenzen dieser Handlungen spüren müssen, um daraus lernen zu können,
so ist Leid unvermeidlich.
Die
häufig gestellte Frage „Warum lässt Gott all das Leid zu?“, basiert auf einer
falschen Grundannahme über den Sinn der Schöpfung. Das Leid ist eine
Konsequenz, die sich aus dem Schöpfungsplan ergibt.
So
lange wir durch unser Handeln selbst das Leid verursachen, ließe sich das Leid
nur vermeiden, wenn man uns entweder die Freiheit nähme oder wenn unser
Handeln keine Konsequenzen hätte oder beides. Das wäre der Preis für eine
paradiesische Welt. Doch in einer solchen Welt wäre keine neue Erkenntnis
möglich. Deshalb ist der Baum der Erkenntnis mit der Vertreibung aus dem
Paradies verbunden.
Daher
macht übrigens auch zum aktuellen Zeitpunkt eine Erlösung absolut keinen Sinn.
Einerseits gibt es noch so viel zu lernen und andererseits wäre der
paradiesische Friede sehr schnell dahin, wenn wir auch dort die gleichen
Freiheiten hätten wie hier.
Da
wir nicht immer unmittelbar die Konsequenzen selbst ernten, deren Ursachen wir
gesät haben, gibt es ein Gesetz des Ausgleichs, das es uns ermöglicht, manche
Situationen nacheinander aus unterschiedlichen Positionen zu erleben –
eventuell auch in mehreren Leben. Und so ernten wir schließlich doch, was wir
gesät haben. Es geht dabei aber nicht um Strafe, sondern um ein Bewusstsein
für die Gegenperspektive. (vgl. Karma-Prinzip)
Zum
Lernauftrag gehört es auch, dass der Mensch neue Umgangsformen entwickelt und
erprobt, die mit etwas weniger Leid verbunden sind.
Eine
Möglichkeit das Leid etwas zu mindern ist das Verständnis für die
Zusammenhänge der Schöpfung und ein liebevoller Umgang der Geschöpfe
miteinander. Eine Religion sollte beides vermitteln. So lange der Mensch die
Zusammenhänge nicht versteht und nicht weiß, warum er hier ist, werden ihm die
Probleme und das Leid sinnlos erscheinen.
Teil IV – Probleme bei der
„historischen“ Sichtweise
Die
historische Sichtweise führt in eine Sackgasse, denn die Evangelien waren nie
als historische Berichte gedacht und sind bei historischen und biographischen
Daten äußerst unzuverlässig. Die Ahnenreihen bei Matthäus und Lukas
widersprechen sich, die Schilderungen am leeren Grab sind widersprüchlich, die
historischen Rahmendaten der Weihnachtsgeschichte stimmen nicht, u.s.w.
Es
lässt sich nachweisen, dass viele scheinbare „Lebensdaten“ von Jesus
Übernahmen aus dem alten Testament sind. Beispielsweise ist der Kindermord des
Herodes eine direkte Analogie zum Kindermord des Pharao in der
Moses-Geschichte. In einigen Fällen werden sogar im Text Hinweise auf das alte
Testament gegeben. („... damit die Schrift erfüllt werde ...“)
Die
Annahme, dass das alte Testament auf prophetische Weise auf das spätere Wirken
von Jesus hinweist, stimmt nicht. Die Figur Jesus wurde statt dessen von den
Autoren ganz bewusst so gestaltet, dass sie auf die Texte im alten Testament
passt.
Die
scheinbare Jesus-Biographie passt sogar bei solchen Stellen auf das alte
Testament, wo eindeutig historische Fehler vorliegen, wie z.B. bei den 30
Silberlingen, mit denen Judas bezahlt wurde und die damals nicht mehr als
Währung gebräuchlich waren.
Es
ist also nicht so, dass die Autoren der Evangelien bei vorhandenen Geschichten
über Jesus nachgeschaut hätten, ob es dafür einen prophetischen Hinweis im
alten Testament gibt, sondern sie haben ausgehend vom alten Testament die
Geschichte von Jesus entworfen. Bei vorhandenen Geschichten wären die
historischen Fehler nicht unterlaufen.
Ob
neben den Übernahmen aus dem alten Testament und den symbolisch verpackten,
geheimen Lehren auch noch tatsächliche Geschichten über einen historischen
„Jesus“ in die Evangelien mit eingeflossen sind, lässt sich heute nicht mehr
feststellen.
Aus
der Tatsache, dass die Historiker Jesus erst erwähnten, nachdem die Evangelien
entstanden waren und dass die Qumran-Rollen Jesus überhaupt nicht erwähnen,
obwohl sie aus der richtigen Zeit und aus der richtigen Region stammen, kann
man jedoch schließen, dass damals vermutlich kein Ereignis stattgefunden hat,
das so bedeutend war, dass es die direkten Zeitgenossen für erwähnenswert
hielten.
Es
ist durchaus möglich, dass die geheime Lehre, die in der scheinbaren
Biographie von Jesus symbolisch verpackt ist, auf einen historischen Jesus
zurück geht. Doch über diesen „historischen Jesus“ wissen wir nichts. Ebenso
könnte es auch Johannes der Täufer gewesen sein, dessen Lehre in den
Evangelien verpackt wurde.
Man
kann auf jeden Fall einen eventuellen „historischen Jesus“ nicht mit dem
„Jesus der Evangelien“ gleichsetzen.
Teil V – Die mythologische bzw. symbolische
Sichtweise
Der
Mythos ist eine Form, eine Idee zu vermitteln. Während der Logos eine
abstrakte, sachliche und wissenschaftliche Form ist, wird beim Mythos die Idee
in eine Geschichte verpackt. Dadurch kann man eine abstrakte Idee anschaulich
und erlebbar machen. Zur Vermittlung einer Idee ist es jedoch irrelevant, ob
die Geschichte einen historischen Kern hat oder nicht.
Eine
Geschichte, die man erfindet, um eine Idee darzustellen, ist keine Lüge. Sie
wird erst dadurch zur Lüge, wenn man behauptet, die hätte sich tatsächlich so
ereignet.
Auch
das Christentum basiert auf einem Logos. Im Johannes-Evangelium heißt es „Am
Anfang war das Wort“. Wo in heutigen Übersetzungen „das Wort“ steht, wird im
Original das Wort „Logos“ verwendet. Am Anfang war der Logos.
Dieser
Logos ist das Gesetz der Schöpfung - das Grundprinzip, aus dem alles gemacht
wird. Daher haben viele Wissenschaften, die diese Naturgesetze zu ergründen
versuchen, die Endung „-logie“. (Zoologie, Biologie, ...)
Dieser
Logos war aber für viele zu abstrakt, um ihm zu begreifen. Und so wurde aus
dem Logos eine Geschichte gemacht – ein Mythos. Der Logos ist im Mythos
Fleisch geworden. Daher ist der Logos im Mythos verborgen und kann durch ein
Verständnis für die Symbolik im Mythos erkannt werden.
Eigentlich
wäre es die Aufgabe der Priester und Theologen, die Schrift so auszulegen,
dass wir im Mythos den Logos erkennen können – dass wir sehen, welche Ideen
über die höhere Wirklichkeit in der Symbolik der Evangelien vermittelt werden.
Pontifex
bedeutet wörtlich „Brückenbauer“. Eigentlich sollte er in der Lage sein, für
uns mit Hilfe von Symbolen und Gleichnissen eine Brücke in die andere
Wirklichkeit zu bauen. Doch leider haben die kirchlichen Priester,
Würdenträger und Schriftgelehrten auch selbst dieses Wissen verloren. Selbst
der größte Brückenbauer – der Pontifex maximus -kann uns keine Brücke mehr bauen.
Viele
Begriffe und Symbole hatten früher eine andere Bedeutung und wurden später von
der Kirche von anderen, teilweise sogar gegensätzlichen Vorstellungen
überlagert. So wurden auch viele Namen und Begriffe, die ursprünglich eine
positive Bedeutung hatten, später regelrecht verteufelt. Das erschwert uns
natürlich heute die symbolische Interpretation der alten Texte, weil durch
diese Vorurteile Missverständnisse vorprogrammiert sind. So scheitern viele
Interpretationsversuche schon im Ansatz. Beispielsweise mag es sicher viele
Christen irritieren oder vielleicht sogar schockieren, wenn sie hören, dass
Jesus – das Licht der Welt – in der Offenbarung des Johannes ausgerechnet mit
Luzifer – dem Lichtträger – gleich gesetzt wird. (Offb 22,16: Ich, Jesus [...] bin [...]der
helle Morgenstern.) Venus - der Morgenstern -
ist ein Symbol für Luzifer.
Da durch heutige
Glaubensvorstellungen viele Symbole und Begriffe durch andere Bedeutungen
überlagert sind, wird dem Gläubigen der Zugang zum dem Urwissen inder christlichen Mythologie vollkommen
unmöglich gemacht. Er kann in der Symbolik kein Urwissen erkennen, weil durch
falsche Bedeutungen und Vorstellungen die Symbolik zu einem unverständlichem
Kauderwelsch geworden ist.
Daher muss die Reform des
Christentums mit der Symbolik beginnen.
Der
Jesus der Evangelien symbolisiert eine Kraft, die im Menschen wirkt.
So
wie Jesus in den Evangelien unterschiedlichen Menschen begegnet und sie
verändert, so begegnen auch unterschiedliche Menschen dieser Kraft und diese
Kraft wirkt in ihnen. Diese Kraft öffnet ihnen die Augen und gibt ihnen Kraft.
In diesem Sinne sind die Wunder von Jesus zu verstehen, der Blinde und Lahme
heilt.
Diese
Kraft leitet uns und wirkt auf unsere Bewusstseinsentwicklung. Es geht im
Christentum darum, dass wir in uns diese Kraft spüren. Dafür ist es
irrelevant, was nun exakt vor 2000 Jahren passiert ist. Der Glaube, ein
historischer Jesus hätte vor 2000 Jahren irgendetwas für uns gelöst, lenkt
sogar davon ab, dass es eigentlich im Christentum um eine
Bewusstseinsentwicklung geht, die heute in uns stattfinden soll.
Bei
der Symbolik geht es hauptsächlich um den Sinn des Lebens, den Aufbau der
Schöpfung, um den Weg des Menschen und um die höhere Wirklichkeit aus der wir
stammen und zu der wir zurück kehren.
So
wie man chemische Reaktionen nicht mit Musiknoten beschreiben kann, so fehlen
uns in vielen Fällen die Worte für die „Dinge und Zusammenhänge“ dieser
höheren Wirklichkeit, weil sich unsere Sprache fast ausschließlich an den
Dingen unserer materiellen Wirklichkeit orientiert. So lassen sich diese Dinge
in unserer Sprache nur in Form von Vergleichen, Analogien, Modellen und
Symbolen beschreiben. Zu diesem Zweck wurden mythische Geschichten entworfen,
die scheinbar in unserer Welt spielen und die sich damit mit unseren Begriffen
ausdrücken lassen, um damit Abläufe in einer höheren Wirklichkeit zu
beschreiben.
Somit
reduziert man diese Geschichten durch diese andere Sichtweise nicht auf das
Symbolische, sondern die Symbolik ist ein Werkzeug, um eine neue Welt
erfahrbar zu machen, die sich ohne die Symbolik unserer Vorstellungskraft
entziehen würde.
Doch
bei solchen symbolischen Vergleichen besteht immer die Gefahr, dass jemand den
Vergleich selbst für die Wirklichkeit hält und nicht erkennt, das die
scheinbar irdischen Ereignisse nur verwendet werden, um eine überirdische
Wirklichkeit zu beschreiben.
Durch
die heute übliche, entmythologisierte und real-historische Sichtweise
reduziert man die Geschichten nur auf das Irdische, von dem sich in vielen
Fällen nachweisen lässt, dass es historisch nie stattgefunden hat. So bleibt
schließlich bei einer konsequenten Anwendung der traditionellen Sichtweise vom
Christentum nichts übrig. Die modernen Theologen lassen nur noch den
entmythologisierten Kern bestehen und die Historiker stellen vollkommen zu
Recht selbst den in Frage. Der eigentliche Sinn der mythischen Geschichten -
eine höhere Wirklichkeit in die Begriffe unserer Welt zu übersetzen – geht bei
der heutigen Theologie vollkommen verloren.
Einerseits
ist die Unterscheidung der beiden Wirklichkeiten sehr wichtig. Es gibt jedoch
auch Situationen, da vermischen sich tatsächlich die Ebenen zwischen unserer
Wirklichkeit und der anderen und ein Prinzip oder eine Idee aus der anderen
Wirklichkeit wird in unserer Wirklichkeit materiell erfahrbar. Dann spricht
die andere Wirklichkeit zu uns – durch das Leben selbst. Dann offenbart sich
der Geist in der Materie und wir können in der Materie das Wirken des Geistes
erkennen. Und wir können dann die Botschaft, die unser Leben uns gibt, mit den
gleichen Methoden untersuchen, die wir an den Mythen und Visionen erlernt
haben.
Teil VI – Die symbolische Bilderwelt der Seele
Auch
die Bildersprache unserer Seele basiert auf sehr ähnlichen mythischen
Grundmotiven.
Solche
Bilder tauchen in uns in ganz unterschiedlichen Situationen und Intensitäten
auf: in Momenten der Stille (z.B. in der Meditation), in Träumen, in
Phantasien, aber auch in ekstatischen Visionen.
Manchmal
ist es aber auch die Bilderwelt der Märchen und Mythen, die ein verschüttetes
Urwissen tief in uns anspricht und uns damit bewusst macht.
Diese
Bilder legen in kleinen Bruchstücken Erinnerungen an eine andere Wirklichkeit
frei.
So
trägt die Beschäftigung mit der Symbolsprache der Mythen auch dazu bei, dass
man mit der Zeit auch den Sinn erahnen kann, der uns in diesen Bildern
vermittelt wird.
Auf
diese Weise erhalten Zugang zu einem verschütteten Ur-Wissen, das in jedem von
uns ruht.
Teil VII – Einige Symbole,
Deutungen und Korrekturen
Brot
steht oftmals für geistige Nahrung. In der
Geschichte von Jesus wird uns eine solche
geistige Nahrung gegeben. Man kann sie
aufbrechen bzw. symbolisch zerlegen und das Verborgene offenlegen, indem man
die Geschichte von Jesus analysiert. So wird das Brot gebrochen. Wein enthält
„Spiritus“ (=Weingeist) und steht daher für
die Inspiration. Das ist das Wesen der Kraft, die in den Evangelien als Jesus
personifiziert wird. Das „Wesen“ wird symbolisiert durch das Blut. Es geht
darum, die geistige Nahrung aus der Schrift
freizulegen und die Inspiration in sich wirken zu lassen. Dieses ist uns
aufgetragen. Wenn wir hingegen beim Abendmahl nur in trockene Kekse beißen, so
ist dieses lediglich ein äußeres Zeichen, das inzwischen jede Bedeutung
verloren hat.
Die
Bibel verwendet den Begriff „Tod“ nicht in dem Sinne, wie wir ihn
üblicherweise umgangssprachlich verwenden. Durch diesen Tod verlässt man nicht
unsere materielle Welt, sondern bei diesem Tod trennt man sich von der
geistigen Welt, um in unsere Welt zu kommen.
Wir alle, die wir in diesem Zustand der Trennung leben, sind in diesem Sinne
die Toten. Diese Trennung wird üblicherweise als „Sünde“ bezeichnet, was
übrigens keine moralische Wertung bedeutet, sondern nur, das wir „abgesondert“
sind. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn thematisiert diese Trennung, ebenso
auch die Vertreibung aus dem Paradies und in beiden Fällen wird auch der
Begriff „Tod“ in diesem Zusammenhang verwendet, wenn es z.B. heißt, der Sohn
sei tot gewesen, oder wenn gesagt wird, man würde sterben, wenn man vom Baum
der Erkenntnis isst.
Dieser
Zustand der Trennung ist kein Fehler oder Unfall, sondern notwendig für das
eigene Wachstum. So wie das Saatgut sich nur vermehren kann, wenn man es in
die Erde steckt, so benötigen auch wir die materielle Welt für das
geistige Wachstum.
Wenn
wir in die materielle Welt kommen, so stirbt in uns das Wissen um unsere wahre
Heimat in der geistigen Welt. In diesem Sinne
bedeutet die „Auferstehung von den Toten“ oder die „Überwindung des Todes“,
dass dieses Wissen in uns wieder erwacht. Damit ist also kein ewiges Leben auf
der Erde gemeint.
Eine
solche „Erweckung von den Toten“ ist kein Wunder und keine Zauberei in dem
Sinne, dass dadurch die Naturgesetze außer Kraft gesetzt würden und damit
werden auch keine Menschen ins irdische Leben zurück geholt, die im
medizinischen Sinne tot sind. Aber es wird trotzdem mit der Symbolik ein
reales Ereignis beschrieben, denn es ist nicht weniger real, wenn in einem
Menschen das „begrabene“ Wissen wieder freigelegt wird, das in ihm gestorben
war.
Die
Symbole Luft, Wasser und Erde stehen üblicherweise für drei Ebenen der
Schöpfung. Luft ist nicht greifbar und steht für die abstrakte und rein
geistige Ur-Idee, die in allem steckt. Die
Erde steht für unsere materielle Welt, in der diese Ideen Realität werden und
wo wir sie erleben können. In der Materie offenbart sich der Geist. Dazwischen
ist die Ebene des Wassers, wo die Dinge im Entstehen bzw. im Fließen sind.
Damit
hängt es auch zusammen, dass in vielen Mythen der Weg in die andere
Wirklichkeit durch das Wasser führt, z.B. wenn Moses das Meer teilt.
Die
Symbole Luft, Wasser und Erde werden aber auch für Geist, Seele und Körper
verwendet und in diesem Sinne ist der Mensch nach dem Ebenbilde der Schöpfung
aufgebaut.
Wenn
von Vögeln, Fischen und Landtieren die Rede ist so bezieht sich dieses auch
häufig auf dieses Ebenenschema, z.B. wenn sich der Geist in Form einer Taube
zeigt, oder wenn Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreitet. Der Stier wird
übrigens häufig durch die Form der Hörner, die an eine Mondsichel und an einen
Kelch erinnert, dem Element Wasser zugeordnet.
In
der Mythologie werden die Wesen bzw. Kräfte der drei Ebenen auch durch
entsprechende Attribute dargestellt. Luft-Wesen haben Flügel, Wasser-Wesen
haben einen Fischschwanz, Erd-Wesen haben Hufe.
Entsprechend
der drei Ebenen gibt es auch drei Sichtweisen auf die biblischen Geschichten:
Dem Element Erde entspricht sie materielle Sicht auf die Dinge, also
real-historische Interpretation. Dem Element Wasser entspricht die moralische
bzw. sittliche Interpretation der Bibel. Dem Element Luft entspricht die
symbolische Interpretation, in der die Geschichten als Gleichnisse für eine
höhere Wirklichkeit aufgefasst werden. (vgl. dreifacher Schriftsinn nach
Origenes)
Es
gibt noch einen zweiten Geist-Begriff, der mit Feuer symbolisiert wird und der
eine Kraft symbolisiert, die uns inspiriert und leitet. Dieses Schema mit
Feuer, Luft, Wasser und Erde wird als „Vier-Elemente-Lehre“ bezeichnet. Es
gibt jedoch auch einen körperlichen Antrieb, der auch mit Feuer symbolisiert
wird.
Darüber
hinaus gibt es unterschiedliche Entsprechungen zu den vier Elementen: So hat
beispielsweise das Eisen und das Schwert eine ähnliche Bedeutung wie die Luft,
denn beides symbolisiert „Denken“. Man spricht beispielsweise von einem
scharfen Verstand.
Der
geistigen Ebene werden in der Zahlensymbolik
häufig die Zahlen 3 und das Dreieck zugeordnet, der seelischen Ebene die 2
(Polarität), die 5 (Bewusstsein / „fünf“ Sinne) und der Kreis und der
körperlichen Ebene die 4 und das Quadrat bzw. das Kreuz. So haben auch die 40
Tage in der Wüste bei Jesus und 40 Jahre bei Moses und die 3 Tage im Grab
symbolische Bedeutung. 40 ist eine 4 auf einer höheren Ebene. Die Wüste steht
für die „trockene Theorie“. Es geht also um höhere Ideen, die man von einer
Naturwissenschaft bzw. Naturphilosophie ableitet. Die 3 Tage im Grab stehen
für einen Abstieg in die materielle Welt (=Grab) um des Geistes (=3) Willen.
Satan
- der Herr der Materie - ist kein Widersacher Gottes, sondern er prüft
mythologisch gesehen die Menschen und die Ideen im Auftrag Gottes (siehe Hiob)
und hat die Funktion eines Anklägers. Er symbolisiert die materielle Welt, an
der sich zeigt, was unsere Ideen in der Praxis wirklich taugen und er zeigt wo
die Fehler und Schwächen liegen. An der materiellen Welt zeigt sich, was
wirklich gut und böse ist, denn manches, was uns gut erscheint, hat einen
Pferdefuß und geht nach hinten los. „Diabolus“ bedeutet wörtlich: ein Wurf
(bolus = Wurfball), der in die Gegenrichtung geht (dia = entgegen gesetzt).
Auch das deutsche Wort „Teufel“ steht ebenso wie „Zweifel“ für die zweite
Falte (fel = Falte) bzw. die zweite Seite, die jede Sache hat. Diese „zweite
Seite“ wird uns von der Materie vor-geworfen.
Die
Verführung bzw. Prüfung Jesu durch den Teufel besteht aus drei Teilen. „Steine
zu Brot machen“ bedeutet „Geistige Nahrung aus der Materie ziehen“. „In die
Luft erheben“ wäre eine völlige Vergeistigung
ohne jeden Realitätsbezug und das reine Streben nach materiellem Besitz führt
auch zu keinem geistigen Fortschritt. Es sind
drei Irrwege im Umgang mit der Materie. a) die Beschränkung nur auf die
Naturwissenschaft, b) die spirituelle Weltflucht, c) die Weltsucht bzw. die
Gier nach allem Materiellem. Der zweite und dritte Irrweg wird komplett
abgelehnt. Der erste hingegen wird ergänzt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot
allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“.
In
der Moses-Geschichte steht Ägypten für die materielle Welt, in den Evangelien
hat Jerusalem diese Bedeutung. Die Sklaverei in Ägypten und die Gefangennahme
von Jesus in Jerusalem bedeuten, dass unser höheres Bewusstsein von der
materiellen Welt „gefangen“ genommen wird, sobald wir in diese Welt kommen.
Sowohl
das Passah-Fest als auch die Auferstehung zu Ostern deuten auf die Überwindung
dieser „Gefangenschaft des Geistes“ an.
Auch
das Schwert Excalibur, das in der Gralsmythologie im Stein steckt,
symbolisiert genau diese Gefangenheit des Denken von der Materie. Wer es
schafft, das Schwert aus dem Stein zu ziehen, also das Denken von materiellen
Dingen zu abstrahieren, der wird herrschen.
Auch
das Kreuz steht für die materielle Welt und Jesus, der mit Eisen-Nägeln an das
Kreuz fixiert wurde, symbolisiert das göttliche Bewusstsein, das jeder in sich
trägt und das durch das Denken an die materielle Welt gebunden ist.
Das
Denken vom Materiellen zu lösen, wurde häufig missverstanden. Es geht nicht um
Armut, sondern um die Fähigkeit zu abstrahieren – um das Erkennen der
abstrakten, geistigen Idee hinter den
materiellen Dingen. Diese abstrakten Ur-Ideen kann man durchaus im Sinne von
Platons Ideen-Lehre interpretieren. Entsagung nutzt niemandem. Ein Erwachsener
braucht manches Spielzeug nicht mehr, aber ein Kind wird nicht dadurch
erwachsen, wenn man ihm das Spielzeug wegnimmt. So mag ein Weiser manche
materiellen Dinge nicht mehr brauchen, aber man wird nicht dadurch weise, dass
man diese materiellen Dinge verbannt.