95 Thesen über die Notwendigkeit

einer zweiten Reformation

 

von Elias Erdmann

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Teil I – Über die Notwendigkeit einer zweiten Reformation

 

  1. Am 31. Oktober des Jahres 1517 schlugt Martin Luther seine 95 Thesen wider die päpstliche Ablasspraxis an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Damals hatte die Kirche ein Monopol auf die Auslegung der Bibel, doch sie missbrauchte dieses Monopol und bog den Sinn der Schrift ohne jeden Skrupel entsprechend der eigenen Interessenlage zurecht. Durch seine Bibelübersetzung brach Luther dieses Monopol und machte den Text allen zugänglich.

 

  1. Doch die Gläubigen hatten nun zwar den Text der Bibel, jedoch nicht das Wissen um die Symbolik und so konnten sie den Text nur auf eine einzige Weise verstehen und auslegen: wörtlich und buchstabengetreu. Und so hat Luther, auch wenn er selbst aus der Bibel keinen "papiernen Papst" machen wollte, dennoch die Grundlage für den Buchstabenglauben gelegt.

 

  1. Aber der Buchstabe tötet und nur der Geist macht lebendig.

 

  1. Und so entsteht die Notwendigkeit für eine zweite Reformation, um nun den Geist aus den Buchstaben zu befreien und um den tieferen Sinn zu erkennen, der in der Symbolik der Bibel verborgen liegt.

 

  1. Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, sind daher 95 neue Thesen entstanden, um eine Diskussion unter den Gläubigen in Gang zu setzen.

 

Teil II – Der Ursprung und der Sinn des Christentums

 

  1. Das Christentums entstand im Umfeld der antiken Mysterienschulen und Einweihungskulte. Es gibt deutliche Übereinstimmungen in der Symbolik und bei den mythischen Grundmotiven, die dieses belegen. (siehe: Konrad Dietzfelbinger: Mysterienschulen)

 

  1. Wie bei den anderen Einweihungskulten, so gab es auch im ursprünglichen Christentum ein „geheimes/esoterisches Wissen“, das nur an Eingeweihte weiter gegeben wurde. („Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen,..“)

 

  1. Ein solches geheimes Wissen, das nur einem „inneren“ Kreis von Eingeweihten zugänglich ist, wird als „Esoterik“ bezeichnet. (Eso = innen). Leider hat dieser Begriff in den letzen Jahren einen ziemlich negativen Beigeschmack bekommen, da dieses Schlagwort auch recht häufig für zweifelhafte und unseriöse Publikationen missbraucht wurde, die eigentlich gar nichts mir dem geheimen Wissen der Mysterienschulen zu tun hatten.

 

  1. Esoterik und Christentum sind also keine Gegensätze, sondern es gab ursprünglich auch eine „christliche Esoterik“.

 

  1. Dieses geheime Wissen ging im Laufe der Zeit verloren. Aber es hat verborgen in der Symbolik der Evangelien die Jahrhunderte relativ unbeschadet überstanden und lässt sich daraus rekonstruieren – sofern man die Symbolik versteht.

 

  1. Im Thomas-Evangelium wird uns zwar die esoterische Lehre des Christentums als Logien-Sammlung vermittelt („Dies sind die geheimen Worte...“), aber der Text ist nur für solche Menschen verständlich, die den „Tod“ bereits überwunden haben.(Die Symbolik des „Todes“ wird später noch dargestellt.)

 

  1. Die Symbolik der Evangelien ist keine „poetische Ausschmückung“ der Lebensgeschichte von Jesus, sondern sie vermittelt uns ein Wissen über eine andere, geistige Wirklichkeit, das sich anders nicht darstellen lässt.

 

  1. Die symbolische Auslegung der Evangelien hat den Sinn, die Symbolsprache zu vermitteln, so dass der Zuhörer lernt, sie auch selbst anzuwenden. Jede symbolische Auslegung ist in diesem Sinne eine kleine Einweihung.

 

  1. Diese „symbolische“ Auslegung ist etwas vollkommen anderes als die heute üblichen „moralischen“ Auslegungen der Evangelien. In der moralischen Auslegung wird das Leben von Jesus als ein Vorbild für unser irdisches Handeln interpretiert. In der symbolischen Auslegung wird hingegen der Weg von Jesus zu einer Schilderung von Abläufen, die sich großenteils in einer anderen, geistigen Wirklichkeit abspielen.

 

  1. Während es bei der moralischen Sicht um die Frage geht „Was bedeutet das für mich, wenn ich danach handeln will?“, so geht es bei der symbolischen Sicht um die Frage „Was bedeutet das, wenn es in mir passiert?“. (z.B. Was bedeutet die Gefangennahme von Jesus, wenn sie in mir geschieht?)

 

  1. Durch ein Verständnis für die Symbolik lässt sich eine andere, geistige Wirklichkeit erleben, so wie sich durch das Lesen der Buchstaben die Handlung eines Romans erleben lässt. Durch die Symbolik öffnet sich eine Tür zu einer anderen Wirklichkeit. Und so, wie uns ohne Schriftkenntnis die Handlung eines Romans verborgen bliebe, so bleibt uns ohne Symbolkenntnis die andere Wirklichkeit und auch der tiefere Sinn der Bibel verborgen.

 

  1. Wenn mancher Gläubige, Priester, Theologe oder kirchliche Würdenträger den verborgenen Sinn hinter der Symbolik nicht erfassen kann und schließlich sogar behauptet, es gäbe ihn gar nicht, so gleicht er darin einem Analphabeten, der die Handlung des Romans leugnet, nur weil er selbst nicht lesen kann.

 

  1. Es ist nicht der Sinn des Christentums, dass wir glauben, dass alles wirklich vor 2000 Jahren exakt so geschehen ist, wie es in er Bibel steht, denn was vor 2000 Jahren in einem fernen Land geschah, das hat für uns heute keinerlei Nutzen.

 

  1. Sondern es geht darum, dass heute etwas in uns geschieht – dass wir mit Hilfe der mythischen Motive einen Zugang kriegen zu dem Urwissen, dass in jedem von uns begraben ist.

 

  1. Wer das Ur-Wissen in sich wiedererweckt hat, der braucht nichts mehr zu glauben, denn er hat verstanden. Das Credo wird durch die Gnosis ersetzt.

 

  1. Die heute oftmals übliche „historische“ oder „entmythologisierte“ Sicht auf die Evangelien lenkt von dieser Symbolik ab und beraubt damit die Gläubigen um diesen Zugang zu der anderen Wirklichkeit. Das gilt ein gleicher Weise auch für den Buchstabenglauben sogenannter „bibeltreuer Christen“.

 

Teil III – Der Sinn der Schöpfung und der Sinn des Lebens

 

  1. Geist vermehrt sich durch Erfahrung – indem er aus der Erfahrung neue Ideen und Erkenntnisse zieht. So vermehrt sich auch Gott – der universelle und alles umfassende Geist – durch die Erfahrungen aller Geschöpfe.

 

  1. Die materielle Welt ist der Bereich, in dem die Geschöpfe ihre Erfahrungen sammeln.

 

  1. Die Ideen sind geistiger Natur. Sie sind wie Pflanzensamen und die materiellen Welt ist wie der Erdboden, in dem sich der Same entwickeln kann. Die Erfahrung ist die Frucht unseres Leben und sie kann schließlich geerntet werden. Und sie ist wiederum der Same für neue Entwicklungen.

 

  1. So gibt es in der Schöpfung einen ewigen Kreislauf von Aussaat und Ernte und in diesem Sinne ist Gott der „Sämann“.

 

  1. Es ist der Sinn unseres Lebens, dass wir lernen sollen. Diese Aussage wird auch durch sehr viele Menschen bestätigt, die Todesnäheerlebnisse hatten.

 

  1. Für diesen Lernprozess ist das starre Festhalten an traditionellen Ritualen und an kirchlichen Dogmen eher hinderlich. Man braucht eine gewisse Freiheit, um lernen zu können – auch die Freiheit, die alten Ideen in Frage stellen zu können.

 

  1. Der Geist kann nur wehen, wo man ihn wehen lässt. Wenn man ihn mit Dogmen und Kathechismus-Paragraphen einsperrt, dann kann er nicht wehen.

 

  1. Es ist jedoch nicht so, dass die materielle Welt eine Schule wäre, in der Gott uns etwas beibringen will, sondern in erster Linie lernt Gott durch uns. Er lernt und vermehrt sich durch unsere Erfahrungen.

 

  1. Die Vielfalt, Unterschiedlichkeit und die Einzeigartigkeit aller Geschöpfe ermöglicht sehr viele unterschiedliche Erfahrungen. Und vermutlich gibt es auf anderen Planeten und in anderen Seinsbereichen noch ganz andere Möglichkeiten Erfahrungen zu sammeln.

 

  1. So wie ein Kind keine eigenen Erfahrungen sammeln kann, wenn der Vater jeden seiner Schritt lenkt, so war es auch für die Geschöpfe notwendig, sich für eine gewisse Zeit vom Vater zu trennen und ein individuelles Bewusstsein zu entwickeln.

 

  1. Die Trennung von Gott ist also kein Fehler oder Irrtum, sondern ein notwendiger Bestandteil des Schöpfungsplans. (vgl. Gleichnis vom verlorenen Sohn)

 

  1. In der materiellen Welt haben wir die Freiheit, um Ideen erproben zu können und wir spüren die Konsequenzen, um sie beurteilen zu können. Leid ist die Folge von Freiheit und Konsequenz.

 

  1. Wenn wir die Freiheit haben, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und wir auch die Konsequenzen dieser Handlungen spüren müssen, um daraus lernen zu können, so ist Leid unvermeidlich.

 

  1. Die häufig gestellte Frage „Warum lässt Gott all das Leid zu?“, basiert auf einer falschen Grundannahme über den Sinn der Schöpfung. Das Leid ist eine Konsequenz, die sich aus dem Schöpfungsplan ergibt.

 

  1. So lange wir durch unser Handeln selbst das Leid verursachen, ließe sich das Leid nur vermeiden, wenn man uns entweder die Freiheit nähme oder wenn unser Handeln keine Konsequenzen hätte oder beides. Das wäre der Preis für eine paradiesische Welt. Doch in einer solchen Welt wäre keine neue Erkenntnis möglich. Deshalb ist der Baum der Erkenntnis mit der Vertreibung aus dem Paradies verbunden.

 

  1. Daher macht übrigens auch zum aktuellen Zeitpunkt eine Erlösung absolut keinen Sinn. Einerseits gibt es noch so viel zu lernen und andererseits wäre der paradiesische Friede sehr schnell dahin, wenn wir auch dort die gleichen Freiheiten hätten wie hier.

 

  1. Da wir nicht immer unmittelbar die Konsequenzen selbst ernten, deren Ursachen wir gesät haben, gibt es ein Gesetz des Ausgleichs, das es uns ermöglicht, manche Situationen nacheinander aus unterschiedlichen Positionen zu erleben – eventuell auch in mehreren Leben. Und so ernten wir schließlich doch, was wir gesät haben. Es geht dabei aber nicht um Strafe, sondern um ein Bewusstsein für die Gegenperspektive. (vgl. Karma-Prinzip)

 

  1. Zum Lernauftrag gehört es auch, dass der Mensch neue Umgangsformen entwickelt und erprobt, die mit etwas weniger Leid verbunden sind.

 

  1. Eine Möglichkeit das Leid etwas zu mindern ist das Verständnis für die Zusammenhänge der Schöpfung und ein liebevoller Umgang der Geschöpfe miteinander. Eine Religion sollte beides vermitteln. So lange der Mensch die Zusammenhänge nicht versteht und nicht weiß, warum er hier ist, werden ihm die Probleme und das Leid sinnlos erscheinen.

 

Teil IV – Probleme bei der „historischen“ Sichtweise

 

  1. Die historische Sichtweise führt in eine Sackgasse, denn die Evangelien waren nie als historische Berichte gedacht und sind bei historischen und biographischen Daten äußerst unzuverlässig. Die Ahnenreihen bei Matthäus und Lukas widersprechen sich, die Schilderungen am leeren Grab sind widersprüchlich, die historischen Rahmendaten der Weihnachtsgeschichte stimmen nicht, u.s.w.

 

  1. Es lässt sich nachweisen, dass viele scheinbare „Lebensdaten“ von Jesus Übernahmen aus dem alten Testament sind. Beispielsweise ist der Kindermord des Herodes eine direkte Analogie zum Kindermord des Pharao in der Moses-Geschichte. In einigen Fällen werden sogar im Text Hinweise auf das alte Testament gegeben. („... damit die Schrift erfüllt werde ...“)

 

  1. Die Annahme, dass das alte Testament auf prophetische Weise auf das spätere Wirken von Jesus hinweist, stimmt nicht. Die Figur Jesus wurde statt dessen von den Autoren ganz bewusst so gestaltet, dass sie auf die Texte im alten Testament passt.

 

  1. Die scheinbare Jesus-Biographie passt sogar bei solchen Stellen auf das alte Testament, wo eindeutig historische Fehler vorliegen, wie z.B. bei den 30 Silberlingen, mit denen Judas bezahlt wurde und die damals nicht mehr als Währung gebräuchlich waren.

 

  1. Es ist also nicht so, dass die Autoren der Evangelien bei vorhandenen Geschichten über Jesus nachgeschaut hätten, ob es dafür einen prophetischen Hinweis im alten Testament gibt, sondern sie haben ausgehend vom alten Testament die Geschichte von Jesus entworfen. Bei vorhandenen Geschichten wären die historischen Fehler nicht unterlaufen.

 

  1. Ob neben den Übernahmen aus dem alten Testament und den symbolisch verpackten, geheimen Lehren auch noch tatsächliche Geschichten über einen historischen „Jesus“ in die Evangelien mit eingeflossen sind, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

 

  1. Aus der Tatsache, dass die Historiker Jesus erst erwähnten, nachdem die Evangelien entstanden waren und dass die Qumran-Rollen Jesus überhaupt nicht erwähnen, obwohl sie aus der richtigen Zeit und aus der richtigen Region stammen, kann man jedoch schließen, dass damals vermutlich kein Ereignis stattgefunden hat, das so bedeutend war, dass es die direkten Zeitgenossen für erwähnenswert hielten.

 

  1. Es ist durchaus möglich, dass die geheime Lehre, die in der scheinbaren Biographie von Jesus symbolisch verpackt ist, auf einen historischen Jesus zurück geht. Doch über diesen „historischen Jesus“ wissen wir nichts. Ebenso könnte es auch Johannes der Täufer gewesen sein, dessen Lehre in den Evangelien verpackt wurde.

 

  1. Man kann auf jeden Fall einen eventuellen „historischen Jesus“ nicht mit dem „Jesus der Evangelien“ gleichsetzen.

 

Teil V – Die mythologische bzw. symbolische Sichtweise

 

  1. Der Mythos ist eine Form, eine Idee zu vermitteln. Während der Logos eine abstrakte, sachliche und wissenschaftliche Form ist, wird beim Mythos die Idee in eine Geschichte verpackt. Dadurch kann man eine abstrakte Idee anschaulich und erlebbar machen. Zur Vermittlung einer Idee ist es jedoch irrelevant, ob die Geschichte einen historischen Kern hat oder nicht.

 

  1. Eine Geschichte, die man erfindet, um eine Idee darzustellen, ist keine Lüge. Sie wird erst dadurch zur Lüge, wenn man behauptet, die hätte sich tatsächlich so ereignet.

 

  1. Auch das Christentum basiert auf einem Logos. Im Johannes-Evangelium heißt es „Am Anfang war das Wort“. Wo in heutigen Übersetzungen „das Wort“ steht, wird im Original das Wort „Logos“ verwendet. Am Anfang war der Logos.

 

  1. Dieser Logos ist das Gesetz der Schöpfung - das Grundprinzip, aus dem alles gemacht wird. Daher haben viele Wissenschaften, die diese Naturgesetze zu ergründen versuchen, die Endung „-logie“. (Zoologie, Biologie, ...)

 

  1. Dieser Logos war aber für viele zu abstrakt, um ihm zu begreifen. Und so wurde aus dem Logos eine Geschichte gemacht – ein Mythos. Der Logos ist im Mythos Fleisch geworden. Daher ist der Logos im Mythos verborgen und kann durch ein Verständnis für die Symbolik im Mythos erkannt werden.

 

  1. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Priester und Theologen, die Schrift so auszulegen, dass wir im Mythos den Logos erkennen können – dass wir sehen, welche Ideen über die höhere Wirklichkeit in der Symbolik der Evangelien vermittelt werden.

 

  1. Pontifex bedeutet wörtlich „Brückenbauer“. Eigentlich sollte er in der Lage sein, für uns mit Hilfe von Symbolen und Gleichnissen eine Brücke in die andere Wirklichkeit zu bauen. Doch leider haben die kirchlichen Priester, Würdenträger und Schriftgelehrten auch selbst dieses Wissen verloren. Selbst der größte Brückenbauer – der Pontifex maximus -  kann uns keine Brücke mehr bauen.

 

  1. Viele Begriffe und Symbole hatten früher eine andere Bedeutung und wurden später von der Kirche von anderen, teilweise sogar gegensätzlichen Vorstellungen überlagert. So wurden auch viele Namen und Begriffe, die ursprünglich eine positive Bedeutung hatten, später regelrecht verteufelt. Das erschwert uns natürlich heute die symbolische Interpretation der alten Texte, weil durch diese Vorurteile Missverständnisse vorprogrammiert sind. So scheitern viele Interpretationsversuche schon im Ansatz. Beispielsweise mag es sicher viele Christen irritieren oder vielleicht sogar schockieren, wenn sie hören, dass Jesus – das Licht der Welt – in der Offenbarung des Johannes ausgerechnet mit Luzifer – dem Lichtträger – gleich gesetzt wird. (Offb 22,16: Ich, Jesus [...] bin [...]der helle Morgenstern.) Venus - der Morgenstern - ist ein Symbol für Luzifer.

 

  1. Da durch heutige Glaubensvorstellungen viele Symbole und Begriffe durch andere Bedeutungen überlagert sind, wird dem Gläubigen der Zugang zum dem Urwissen in  der christlichen Mythologie vollkommen unmöglich gemacht. Er kann in der Symbolik kein Urwissen erkennen, weil durch falsche Bedeutungen und Vorstellungen die Symbolik zu einem unverständlichem Kauderwelsch geworden ist.

 

  1. Daher muss die Reform des Christentums mit der Symbolik beginnen.

 

  1. Der Jesus der Evangelien symbolisiert eine Kraft, die im Menschen wirkt.

 

  1. So wie Jesus in den Evangelien unterschiedlichen Menschen begegnet und sie verändert, so begegnen auch unterschiedliche Menschen dieser Kraft und diese Kraft wirkt in ihnen. Diese Kraft öffnet ihnen die Augen und gibt ihnen Kraft. In diesem Sinne sind die Wunder von Jesus zu verstehen, der Blinde und Lahme heilt.

 

  1. Diese Kraft leitet uns und wirkt auf unsere Bewusstseinsentwicklung. Es geht im Christentum darum, dass wir in uns diese Kraft spüren. Dafür ist es irrelevant, was nun exakt vor 2000 Jahren passiert ist. Der Glaube, ein historischer Jesus hätte vor 2000 Jahren irgendetwas für uns gelöst, lenkt sogar davon ab, dass es eigentlich im Christentum um eine Bewusstseinsentwicklung geht, die heute in uns stattfinden soll.

 

  1. Bei der Symbolik geht es hauptsächlich um den Sinn des Lebens, den Aufbau der Schöpfung, um den Weg des Menschen und um die höhere Wirklichkeit aus der wir stammen und zu der wir zurück kehren.

 

  1. So wie man chemische Reaktionen nicht mit Musiknoten beschreiben kann, so fehlen uns in vielen Fällen die Worte für die „Dinge und Zusammenhänge“ dieser höheren Wirklichkeit, weil sich unsere Sprache fast ausschließlich an den Dingen unserer materiellen Wirklichkeit orientiert. So lassen sich diese Dinge in unserer Sprache nur in Form von Vergleichen, Analogien, Modellen und Symbolen beschreiben. Zu diesem Zweck wurden mythische Geschichten entworfen, die scheinbar in unserer Welt spielen und die sich damit mit unseren Begriffen ausdrücken lassen, um damit Abläufe in einer höheren Wirklichkeit zu beschreiben.

 

  1. Somit reduziert man diese Geschichten durch diese andere Sichtweise nicht auf das Symbolische, sondern die Symbolik ist ein Werkzeug, um eine neue Welt erfahrbar zu machen, die sich ohne die Symbolik unserer Vorstellungskraft entziehen würde.

 

  1. Doch bei solchen symbolischen Vergleichen besteht immer die Gefahr, dass jemand den Vergleich selbst für die Wirklichkeit hält und nicht erkennt, das die scheinbar irdischen Ereignisse nur verwendet werden, um eine überirdische Wirklichkeit zu beschreiben.

 

  1. Durch die heute übliche, entmythologisierte und real-historische Sichtweise reduziert man die Geschichten nur auf das Irdische, von dem sich in vielen Fällen nachweisen lässt, dass es historisch nie stattgefunden hat. So bleibt schließlich bei einer konsequenten Anwendung der traditionellen Sichtweise vom Christentum nichts übrig. Die modernen Theologen lassen nur noch den entmythologisierten Kern bestehen und die Historiker stellen vollkommen zu Recht selbst den in Frage. Der eigentliche Sinn der mythischen Geschichten - eine höhere Wirklichkeit in die Begriffe unserer Welt zu übersetzen – geht bei der heutigen Theologie vollkommen verloren.

 

  1. Einerseits ist die Unterscheidung der beiden Wirklichkeiten sehr wichtig. Es gibt jedoch auch Situationen, da vermischen sich tatsächlich die Ebenen zwischen unserer Wirklichkeit und der anderen und ein Prinzip oder eine Idee aus der anderen Wirklichkeit wird in unserer Wirklichkeit materiell erfahrbar. Dann spricht die andere Wirklichkeit zu uns – durch das Leben selbst. Dann offenbart sich der Geist in der Materie und wir können in der Materie das Wirken des Geistes erkennen. Und wir können dann die Botschaft, die unser Leben uns gibt, mit den gleichen Methoden untersuchen, die wir an den Mythen und Visionen erlernt haben.

 

Teil VI – Die symbolische Bilderwelt der Seele

 

  1. Auch die Bildersprache unserer Seele basiert auf sehr ähnlichen mythischen Grundmotiven.

 

  1. Solche Bilder tauchen in uns in ganz unterschiedlichen Situationen und Intensitäten auf: in Momenten der Stille (z.B. in der Meditation), in Träumen, in Phantasien, aber auch in ekstatischen Visionen.

 

  1. Manchmal ist es aber auch die Bilderwelt der Märchen und Mythen, die ein verschüttetes Urwissen tief in uns anspricht und uns damit bewusst macht.

 

  1. Diese Bilder legen in kleinen Bruchstücken Erinnerungen an eine andere Wirklichkeit frei.

 

  1. So trägt die Beschäftigung mit der Symbolsprache der Mythen auch dazu bei, dass man mit der Zeit auch den Sinn erahnen kann, der uns in diesen Bildern vermittelt wird.

 

  1. Auf diese Weise erhalten Zugang zu einem verschütteten Ur-Wissen, das in jedem von uns ruht.

 

Teil VII – Einige Symbole, Deutungen und Korrekturen

 

  1. Brot steht oftmals für geistige Nahrung. In der Geschichte von Jesus wird uns eine solche geistige Nahrung gegeben. Man kann sie aufbrechen bzw. symbolisch zerlegen und das Verborgene offenlegen, indem man die Geschichte von Jesus analysiert. So wird das Brot gebrochen. Wein enthält „Spiritus“ (=Weingeist) und steht daher für die Inspiration. Das ist das Wesen der Kraft, die in den Evangelien als Jesus personifiziert wird. Das „Wesen“ wird symbolisiert durch das Blut. Es geht darum, die geistige Nahrung aus der Schrift freizulegen und die Inspiration in sich wirken zu lassen. Dieses ist uns aufgetragen. Wenn wir hingegen beim Abendmahl nur in trockene Kekse beißen, so ist dieses lediglich ein äußeres Zeichen, das inzwischen jede Bedeutung verloren hat.

 

  1. Die Bibel verwendet den Begriff „Tod“ nicht in dem Sinne, wie wir ihn üblicherweise umgangssprachlich verwenden. Durch diesen Tod verlässt man nicht unsere materielle Welt, sondern bei diesem Tod trennt man sich von der geistigen Welt, um in unsere Welt zu kommen. Wir alle, die wir in diesem Zustand der Trennung leben, sind in diesem Sinne die Toten. Diese Trennung wird üblicherweise als „Sünde“ bezeichnet, was übrigens keine moralische Wertung bedeutet, sondern nur, das wir „abgesondert“ sind. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn thematisiert diese Trennung, ebenso auch die Vertreibung aus dem Paradies und in beiden Fällen wird auch der Begriff „Tod“ in diesem Zusammenhang verwendet, wenn es z.B. heißt, der Sohn sei tot gewesen, oder wenn gesagt wird, man würde sterben, wenn man vom Baum der Erkenntnis isst.

 

  1. Dieser Zustand der Trennung ist kein Fehler oder Unfall, sondern notwendig für das eigene Wachstum. So wie das Saatgut sich nur vermehren kann, wenn man es in die Erde steckt, so benötigen auch wir die materielle Welt für das geistige Wachstum.

 

  1. Wenn wir in die materielle Welt kommen, so stirbt in uns das Wissen um unsere wahre Heimat in der geistigen Welt. In diesem Sinne bedeutet die „Auferstehung von den Toten“ oder die „Überwindung des Todes“, dass dieses Wissen in uns wieder erwacht. Damit ist also kein ewiges Leben auf der Erde gemeint.

 

  1. Eine solche „Erweckung von den Toten“ ist kein Wunder und keine Zauberei in dem Sinne, dass dadurch die Naturgesetze außer Kraft gesetzt würden und damit werden auch keine Menschen ins irdische Leben zurück geholt, die im medizinischen Sinne tot sind. Aber es wird trotzdem mit der Symbolik ein reales Ereignis beschrieben, denn es ist nicht weniger real, wenn in einem Menschen das „begrabene“ Wissen wieder freigelegt wird, das in ihm gestorben war.

 

  1. Die Symbole Luft, Wasser und Erde stehen üblicherweise für drei Ebenen der Schöpfung. Luft ist nicht greifbar und steht für die abstrakte und rein geistige Ur-Idee, die in allem steckt. Die Erde steht für unsere materielle Welt, in der diese Ideen Realität werden und wo wir sie erleben können. In der Materie offenbart sich der Geist. Dazwischen ist die Ebene des Wassers, wo die Dinge im Entstehen bzw. im Fließen sind.

 

  1. Damit hängt es auch zusammen, dass in vielen Mythen der Weg in die andere Wirklichkeit durch das Wasser führt, z.B. wenn Moses das Meer teilt.

 

  1. Die Symbole Luft, Wasser und Erde werden aber auch für Geist, Seele und Körper verwendet und in diesem Sinne ist der Mensch nach dem Ebenbilde der Schöpfung aufgebaut.

 

  1. Wenn von Vögeln, Fischen und Landtieren die Rede ist so bezieht sich dieses auch häufig auf dieses Ebenenschema, z.B. wenn sich der Geist in Form einer Taube zeigt, oder wenn Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreitet. Der Stier wird übrigens häufig durch die Form der Hörner, die an eine Mondsichel und an einen Kelch erinnert, dem Element Wasser zugeordnet.

 

  1. In der Mythologie werden die Wesen bzw. Kräfte der drei Ebenen auch durch entsprechende Attribute dargestellt. Luft-Wesen haben Flügel, Wasser-Wesen haben einen Fischschwanz, Erd-Wesen haben Hufe.

 

  1. Entsprechend der drei Ebenen gibt es auch drei Sichtweisen auf die biblischen Geschichten: Dem Element Erde entspricht sie materielle Sicht auf die Dinge, also real-historische Interpretation. Dem Element Wasser entspricht die moralische bzw. sittliche Interpretation der Bibel. Dem Element Luft entspricht die symbolische Interpretation, in der die Geschichten als Gleichnisse für eine höhere Wirklichkeit aufgefasst werden. (vgl. dreifacher Schriftsinn nach Origenes)

 

  1. Es gibt noch einen zweiten Geist-Begriff, der mit Feuer symbolisiert wird und der eine Kraft symbolisiert, die uns inspiriert und leitet. Dieses Schema mit Feuer, Luft, Wasser und Erde wird als „Vier-Elemente-Lehre“ bezeichnet. Es gibt jedoch auch einen körperlichen Antrieb, der auch mit Feuer symbolisiert wird.

 

  1. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Entsprechungen zu den vier Elementen: So hat beispielsweise das Eisen und das Schwert eine ähnliche Bedeutung wie die Luft, denn beides symbolisiert „Denken“. Man spricht beispielsweise von einem scharfen Verstand.

 

  1. Der geistigen Ebene werden in der Zahlensymbolik häufig die Zahlen 3 und das Dreieck zugeordnet, der seelischen Ebene die 2 (Polarität), die 5 (Bewusstsein / „fünf“ Sinne) und der Kreis und der körperlichen Ebene die 4 und das Quadrat bzw. das Kreuz. So haben auch die 40 Tage in der Wüste bei Jesus und 40 Jahre bei Moses und die 3 Tage im Grab symbolische Bedeutung. 40 ist eine 4 auf einer höheren Ebene. Die Wüste steht für die „trockene Theorie“. Es geht also um höhere Ideen, die man von einer Naturwissenschaft bzw. Naturphilosophie ableitet. Die 3 Tage im Grab stehen für einen Abstieg in die materielle Welt (=Grab) um des Geistes (=3) Willen.

 

  1. Satan - der Herr der Materie - ist kein Widersacher Gottes, sondern er prüft mythologisch gesehen die Menschen und die Ideen im Auftrag Gottes (siehe Hiob) und hat die Funktion eines Anklägers. Er symbolisiert die materielle Welt, an der sich zeigt, was unsere Ideen in der Praxis wirklich taugen und er zeigt wo die Fehler und Schwächen liegen. An der materiellen Welt zeigt sich, was wirklich gut und böse ist, denn manches, was uns gut erscheint, hat einen Pferdefuß und geht nach hinten los. „Diabolus“ bedeutet wörtlich: ein Wurf (bolus = Wurfball), der in die Gegenrichtung geht (dia = entgegen gesetzt). Auch das deutsche Wort „Teufel“ steht ebenso wie „Zweifel“ für die zweite Falte (fel = Falte) bzw. die zweite Seite, die jede Sache hat. Diese „zweite Seite“ wird uns von der Materie vor-geworfen.

 

  1. Die Verführung bzw. Prüfung Jesu durch den Teufel besteht aus drei Teilen. „Steine zu Brot machen“ bedeutet „Geistige Nahrung aus der Materie ziehen“. „In die Luft erheben“ wäre eine völlige Vergeistigung ohne jeden Realitätsbezug und das reine Streben nach materiellem Besitz führt auch zu keinem geistigen Fortschritt. Es sind drei Irrwege im Umgang mit der Materie. a) die Beschränkung nur auf die Naturwissenschaft, b) die spirituelle Weltflucht, c) die Weltsucht bzw. die Gier nach allem Materiellem. Der zweite und dritte Irrweg wird komplett abgelehnt. Der erste hingegen wird ergänzt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“.

 

  1. In der Moses-Geschichte steht Ägypten für die materielle Welt, in den Evangelien hat Jerusalem diese Bedeutung. Die Sklaverei in Ägypten und die Gefangennahme von Jesus in Jerusalem bedeuten, dass unser höheres Bewusstsein von der materiellen Welt „gefangen“ genommen wird, sobald wir in diese Welt kommen.

 

  1. Sowohl das Passah-Fest als auch die Auferstehung zu Ostern deuten auf die Überwindung dieser „Gefangenschaft des Geistes“ an.

 

  1. Auch das Schwert Excalibur, das in der Gralsmythologie im Stein steckt, symbolisiert genau diese Gefangenheit des Denken von der Materie. Wer es schafft, das Schwert aus dem Stein zu ziehen, also das Denken von materiellen Dingen zu abstrahieren, der wird herrschen.

 

  1. Auch das Kreuz steht für die materielle Welt und Jesus, der mit Eisen-Nägeln an das Kreuz fixiert wurde, symbolisiert das göttliche Bewusstsein, das jeder in sich trägt und das durch das Denken an die materielle Welt gebunden ist.

 

  1. Das Denken vom Materiellen zu lösen, wurde häufig missverstanden. Es geht nicht um Armut, sondern um die Fähigkeit zu abstrahieren – um das Erkennen der abstrakten, geistigen Idee hinter den materiellen Dingen. Diese abstrakten Ur-Ideen kann man durchaus im Sinne von Platons Ideen-Lehre interpretieren. Entsagung nutzt niemandem. Ein Erwachsener braucht manches Spielzeug nicht mehr, aber ein Kind wird nicht dadurch erwachsen, wenn man ihm das Spielzeug wegnimmt. So mag ein Weiser manche materiellen Dinge nicht mehr brauchen, aber man wird nicht dadurch weise, dass man diese materiellen Dinge verbannt.