Das Mysterienwissen in Platons Höhlengleichnis
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Geschrieben von Elias am 21. Juni 2002 22:20:00:

Das Höhlengleichnis von Platon
Platon beschreibt in Politeia (Der Staat) seine Vorstellung von der höheren Wirklichkeit anhand des Höhlengleichnisses.
Die hier verwendeten Zitate aus Politeia stammen aus der Übersetzung von
Friedrich Schleiermacher. (Quelle: http://www.gutenberg2000.de/platon/politeia/politeia.htm)
Häufig wird dieses Höhlengleichnis herangezogen, um hieran die Grundlage
der "Erkenntnistheorie" darzustellen. Im Gegensatz dazu soll diese Deutung
Platons Gleichnis und die darin verwendete Symbolik aus der Perspektive der
antiken Mysterientraditionen beleuchten. Dabei geht es in dieser Deutung vor
allem um die Analogie zur Symbolik des Dreifachkreuzes, wie sie auf meiner
Homepage beschrieben wird.
Bei der Erkenntnistheorie geht es um die Frage: Was wissen wir wirklich
von der Welt? Ist sie wirklich so, wie sie uns erscheint? Schließlich kennen wir
sie nur durch unsere Sinnesorgane, aber diese können uns immer nur ein
reduziertes Abbild der Wirklichkeit vermitteln und nicht die volle Wirklichkeit
selbst. In der Erkenntnistheorie geht es also vor allem darum, wie wahre
Erkenntnisse zu begründen sind und welche prinzipiellen Grenzen unser Wissen
hat.
Platon geht in diesem Gleichnis aber tatsächlich einen Schritt weiter als
die heutigen Philosophen, die sich zumeist weniger für die esoterieschen Aspekte
des Gleichnisses interessieren. Beim Höhlengleichnis geht es um das Thema: Was
wissen wir über die höhere Wirklichkeit (die Welt der Ideen), da wir nur die
Abbilder dieser Ideen in der Welt sehen?
Eigentlich handelt es sich hier um zwei unterschiedliche
Abbildungsprozesse:
a) Höhlengleichnis: die materielle Wirklichkeit als Abbild einer höheren
Wirklichkeit
b) Erkenntnistheorie: unsere Wahrnehmung als Abbild der äußeren, materiellen Wirklichkeit
Das Gleichnis
Im folgenden Zitat ist der Grundaufbau des Höhlengleichnis komplett
beschieben: Der gefesselte Mensch sieht auf der Höhlenwand die projizierten
Schatten der Objekte, die auf dem Weg hinter der Barriere umhergetragen werden.
Ein direkter Blick auf die Objekte ist dem Menschen aber nicht möglich.
Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen
Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat.
In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so dass sie
auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber
herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind.
Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her
hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg,
längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt wie die Schranken, welche die Gaukler
vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke
zeigen. ... Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Geräte tragen, die
über die Mauer herüberragen, und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne
Bilder und von allerlei Arbeit; einige, wie natürlich, reden dabei, andere
schweigen. ... Denn zuerst, meinst du wohl, dass dergleichen Menschen von sich
selbst und voneinander je etwas anderes gesehen haben als die Schatten, welche
das Feuer auf die ihnen gegenüberstehende Wand der Höhle wirft?
Die Dinge sind die Schatten der Ideen
Der Erkenntnistheoretiker würde in den Dingen, die im Gleichnis Schatten
werfen, die Dinge unserer erfahrbaren Welt sehen. Die Schatten der Dinge währen
somit die Abbilder der Dinge in unserer Wahrnehmung.
Um Platon richtig zu verstehen, müssen wir aber die Schatten an der Wand
mit den Dingen unserer erfahrbaren Welt gleichsetzen. Die "Dinge im Gleichnis"
entsprächen daher in Platons Vorstellung den zugrundeliegende Ideen hinter den
"Dingen der Realität". Das Gleichnis ist quasi um eine Ebene verschoben.
Im Gleichnis betrachtet der Mensch die Schatten. Die Dinge erzeugen diese
Schatten.
In Platons Vorstellung betrachtet der Mensch die materiellen Dinge. Die Ideen erzeugen diese Dinge.
Einige interessante Details
Die Beschreibung enthält einige interessante Details, die bei den heute
üblichen Deutungen eigentlich irrelevant wären:
- die Mauer
- der Weg hinter der Mauer
- die Gegenstände aus Holz und Stein
- redende und schweigende Träger
- die breite Eingang "längs" der Höhle
- die Bilder im Wasser (werden erst später erwähnt)
Wenn man nur von der erkenntnistheoretischen Betrachtungsweise an dieses
Höhlengleichnis rangehen würde, dann wären die vom Feuer geworfenen Schatten an
der Wand bereits absolut ausreichend und all diese anderen Details wären nur
unnötiger Ballast.
Hinweise auf das Mysterienwissen
Diese Details sind aber deutliche Hinweise auf das zugrunde liegende
esoterische Mysterienwissen.
Wenn man mit der Symbolik vom Dreifachkreuz vertraut ist, kann man große
Teile davon eindeutig und deutlich in diesem Text vom Höhlengleichnis
wiedererkennen. Im Gegensatz zum Dreifachkreuz ist aber hier das Feuer etwas
oberhalb des oberen Querbalkens, denn der Weg mit den Urbildern/Ideen ist
zwischen der Mauer und dem Feuer. Damit ist das Feuer etwas über dieser Ebene.
Bis auf diesen kleinen Unterschied ist aber das Grundschema gleich.
Platon nimmt zwar deutlich darauf Bezug, aber das Grundschema selbst
erklärt er nicht, obwohl dieses doch sicherlich die Verständlichkeit des Textes
erhöht hätte. So bleiben diese Andeutung für den unvorbereiteten Leser
letztendlich undeutlich und unverständlich.
Platon hätte sicherlich, wenn er es gewollt hätte, hier auch deutlicher
sprechen können. Aber vermutlich war er durch seine Einweihung an ein
Schweigegebot gebunden, wie es für Mysterienschulen der Antike durchaus üblich
war. Möglicherweise war die Offenheit in diesem Gleichnis schon ganz hart an der
Grenze dessen, was weiterzugeben erlaubt war.
Durch dieses Höhlengleichnis wird tatsächlich das "esoterische Geheimnis"
selbst noch nicht verraten, denn man kann nur dann vom Höhlengleichnis auf das
Dreifachkreuz schließen, wenn man das Geheimnis bereits kennt.
Das Ebenenschema und die Vier-Elemente-Lehre im Höhlengleichnis
Mit der Höhle haben wir einen klaren Bezug zum Element Erde und mit dem
Feuer "von oben und von ferne" haben wir sogar eine direkte Nennung und
Positionierung dieses Elements. Es ist also durchaus begründbar die
4-Elemente-Lehre auf dieses Schema anzuwenden. Auch die spätere Erwähnung der
"Bilder im Wasser" legt die Anwendung dieses Ebenenschemas nahe.
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Feuer / Sonne
Der Weg (Die Ebene der Ideen = Luft)
Die Mauer
Der Gefangene (Die Ebene des Bewusstsein = Wasser)
Die Schatten der Geräte an der Höhlenwand (Die Ebene der Dinge = Erde)
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Die Ebene der Urbilder (Ideen)
Im Gleichnis wird hier von einem "Weg" gesprochen, der hinter der Mauer
verläuft. Es ist also eine Linie parallel zu Mauer. Das Wort "Weg" könnte
durchaus in der Antike noch eine tiefere Bedeutung in den Mysterienkulten gehabt
haben, denn dieser Weg ist das Ziel der spirituellen Erkenntnis und Jesus
sagt z.B. über sich:
Joh. 14,5 Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand
kommt zum Vater denn durch mich.
In Platons Gleichnis müsste man über diesen Weg gehen, um zum Feuer zu
gelangen. Auch die Aktiv-Passiv-Polarität von Entwicklungen und Fakten bzw. von
"Leben und Wahrheit" wird durch "hölzerne" und "steinerne" Bilder verdeutlicht,
bzw. durch die redenden und schweigende Träger.
Die Holz-Bilder sind im Gegensatz zu den Stein-Bildern aus einem
"lebendigen" Material gemacht, das wächst und sich entwickelt. Stein ist im
Gegensatz dazu ein "totes" Material. Die redenden Träger sind auch "aktiver" als
die schweigenden.
In der Symbolik des Dreifachkreuzes finden wir auf dieser Ebene eine
vergleichbare Polarität von Gnade (Wasser) und Strenge (Erde) und der
Zusammenhang zwischen Stein und dem Element Erde ist sogar absolut eindeutig.
Aktiv - passiv bzw. statisch
Entwicklungen- Fakten
Leben - Wahrheit
Gerät - Bildsäule
Holz - Stein
reden - schweigen
Gnade (fördern) - Strenge (begrenzend)
Wasser (fließt) - Erde (liegt)
Die Mauer
Die Mauer entspricht dem "Vorhang" in der Symbolik vom Dreifachkreuz bzw. der Feste zwischen den Wassern in der Genesis und versperrt den direkten Einblick auf die Welt des Geistes bzw. die Ebene der Ideen. Nur was von dieser Ebene über die Mauer gehoben wird, wirft in der Welt der Dinge einen Schatten.
Auch in der biblischen Kreuzigungs-Szene wird dieser Vorhang erwähnt:
Mk 15,38 Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an
bis unten aus.
Die Ebene des Höhleneingangs
Bei der Beschreibung der Höhle haben wir einen Hinweis, dass sie "einen
gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat". Warum ein so
großer Eingang? Es ist ja nicht typisch, dass Höhlen einen Eingang haben, der
längs zu Höhle verläuft.
Dieses weist darauf hin, dass dieses Grenze zwischen Höhle und Außenwelt
ebenfalls eine parallele Linie im Schema ist. Die Mauer, der Weg hinter der
Mauer, der Eingang und die Höhlenwand sind also vier parallele Linien.
Der Aufstieg aus der Gefangenschaft der Materie
Auf keine Weise also können diese irgend etwas anderes für das Wahre
halten als die Schatten jener Kunstwerke?
Wer nur die "Welt der Dinge" kennt, der hält dieses für die einzig
mögliche Realität.
Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen würde, sogleich aufzustehen,
den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehn, und, indem er das
täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht
vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah: was, meinst
du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter
Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden
gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte
und zu antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt
sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher als was ihm jetzt
gezeigt werde?
Der Durchschnittsmensch hat keine Erfahrung mit dieser höheren Welt der
Ideen, so hält er sie für weniger real als die Welt der Dinge, an die er sich
schon gewohnt hat.
Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen.
Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach die Bilder der
Menschen und der andern Dinge im Wasser, und dann erst sie selbst.
Im Gegensatz zu machen anderen esoterischen Traditionen geht Platon davon
aus, dass sich die Erkenntnisfähigkeit des Menschen auch an diese höheren
Wirklichkeiten anpassen kann. Zunächst erkennt man dort die bereits bekannten
Dinge - die Schatten -, mit denen man bereits auf der materiellen Ebene
Erfahrung sammeln konnte.
Beinahe beiläufig wird hier von den Bildern der Menschen und der anderen
Dinge im Wasser gesprochen, obwohl diese Ebene des Wassers bislang noch gar
nicht erwähnt wurde. So wie es also Projektionen der Ideen auf die Höhlenwand
gibt - also auf die Erde - so gibt es auch Bilder im Wasser. Das sind die Dinge
in der paradiesischen/jenseitigen Welt.
Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die Sonne selbst, nicht Bilder
von ihr im Wasser oder anderwärts, sondern sie als sie selbst an ihrer eigenen
Stelle anzusehen und zu betrachten imstande sein.
Wo vorher noch vom Feuer vor der Höhle die Rede war, wird hier das
gleichwertige Symbol "Sonne" verwendet. Das Bild der Sonne im Wasser ist ein
Gleichnis für den Funken des Geistes in der Seele. Zuletzt also kann der Mensch
den Geist direkt wahrnehmen und nicht nur den Funken des Geistes in der Seele.
Und dann wird er schon herausbringen von ihr, dass sie es ist, die
alle Zeiten und Jahre schafft und alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch
von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist.
Nicht der astronomische Himmelskörper "Sonne" ist hier gemeint, der alles
hervorbringt, sondern die Sonne ist hier ein Gleichnis für den Geist der alles
lenkt.
Dieses ganze Bild nun, sagte ich, lieber Glaukon, musst du mit dem
früher Gesagten verbinden, die durch das Gesicht uns erscheinende Region der
Wohnung im Gefängnisse gleichsetzen und den Schein von dem Feuer darin der Kraft
der Sonne; und wenn du nun das Hinaufsteigen und die Beschauung der oberen Dinge
setzt als den Aufschwung der Seele in die Region der Erkenntnis, so wird dir
nicht entgehen, was mein Glaube ist, da du doch dieses zu wissen begehrst.
Dieses Höhlengleichnis und das darin enthaltene Mysterienwissen ist also
der "Glaube" des "Philosophen" Platon.
Gott mag wissen, ob er richtig ist;
Aber Platon stellt klar, dass es ein Glaube ist und kein gesichertes
Wissen und dass er als Mensch irren kann.
Aber es ist ein Glaube, der auf Erkenntnis beruht.
was ich wenigstens sehe, das sehe ich so, dass zuletzt unter allem
Erkennbaren und nur mit
Mühe die Idee des Guten erblickt wird, wenn man sie aber erblickt hat, sie auch gleich dafür
anerkannt wird, dass sie für alle die Ursache alles Richtigen und Schönen ist, im Sichtbaren
das Licht und die Sonne, von der dieses abhängt, erzeugend, im Erkennbaren aber sie allein
als Herrscherin Wahrheit und Vernunft hervorbringend, und dass also diese sehen muss, wer
vernünftig handeln will, es sei nun in eigenen oder in öffentlichen Angelegenheiten.
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